Ich war jetzt drei Tage weg und bin vom Verlauf dieses Threads etwas enttäuscht. Irgendwie sind es die Krieger müde geworden, sich dreimal die Woche die selben Gemeinplätze um die Ohren zu hauen. Lerneffekt oder nur Abstumpfung?
In den letzten Jahren ist die Entwicklung digitaler Kameratechnik in Riesenschritten vorangekommen. Unbestreitbar haben sich mit dieser neu zur Verfügung stehenden Qualität Möglichkeiten erschlossen, die noch vor Kurzem undenkbar schienen. Jeder sogenannte „Quantensprung“ wird von einer Beweisführenden Bilderflut begleitet, die uns anschaulich über die neu gesteckten Grenzen informiert.
Gemeinplätze, schon ausreichend kommentiert. Keine weitere Aussage dazu.
Haben sich durch diese Veränderungen auch andere Parameter verschoben?
Mal sehen, ob sich überhaupt Parameter verschoben haben.
Lag früher die Aufmerksamkeit der fotografierenden hauptsächlich beim Motiv, das er mit seinem - sich über lange Zeiträume sich nicht veränderndem - Gerät abzulichten bemüht war, so beansprucht offensichtlich die in schnellen Intervallen sich verändernde und verbessernde Technik wesentlich mehr Aufmerksamkeit als früher.
Ich mag vielleicht nicht mehr der Jüngste sein, aber an diese Zeit kann ich mich nicht mehr erinnern. Irgend jemand hat mir einmal ein paar alte Fotozeitschriften aus den 60er Jahren geschenkt und da kam der Entwicklung der Technik große Aufmerksamkeit zu. Insbesondere die Kleinbildkamera erwies sich als Motor der Innovation. Der sich bereits anbahnende Niedergang der weltweit führenden deutschen Fotoindustrie lag in nicht unwesentlichen Maße daran, dass man nicht in der Lage war, mit dem rasenden Innovationstempo der japanischen Hersteller Schritt zu halten.
Daraus erwuchsen auch der Fotografengilde große Herausforderungen. Rasante Entwicklungen der Filmtechnologie erschlossen der Hasselblad Aufgabenbereiche, die früher nur mit der Fachkamera abgedeckt werden konnten. War der Newshound mit Laufbodenkamera, Lampenblitz, Trenchcoat und Notizblock hinterm Hutband seit den Zwanzigern eine klassische Ikone der Berichterstattung gewesen, wurde jetzt die Leica zur neuen Trademark. Auch nicht für ewig. Nippon Kogaku, in Fachkreisen für exzellente Objektive bekannt, die sich an diversen Kriegsschauplätzen einen guten Ruf im harten Reportageeinsatz gemacht hatten, ließ mit der Spiegelreflexkamera "Nikon F" aufhorchen. Ein Baukastensystem, bei welchen der Body mit unterschiedlichen Suchern, Objektiven, Motoren, Zubehören an unterschiedlichste fotografische Anforderungen angepasst werden konnte.
Unbestreitbar haben sich mit dieser neu zur Verfügung stehenden Qualität Möglichkeiten erschlossen, die noch vor Kurzem undenkbar schienen. Lag früher die Aufmerksamkeit der fotografierenden hauptsächlich beim Motiv, das er mit seinem - sich über lange Zeiträume sich nicht veränderndem - Gerät abzulichten bemüht war, so beanspruchte offensichtlich die in schnellen Intervallen sich verändernde und verbessernde Technik wesentlich mehr Aufmerksamkeit als früher.
Wie würde es weiter gehen? Was würden die 70er, was würden die 80er an scheinbaren oder echten Innovationen bringen? Würde die Fotografie zu ihrem Kernthema - der optimalen Umsetzung der Bildidee zum fertigen Werk - zurück finden oder mußten wir uns darauf einstellen, dass Titanrolloverschluss, Rückschwingspiegel, CDS Belichtungsmesser und motorischer Highspeed Filmaufzug mit 3 und mehr Bildern pro Sekunde erst der Anfang einer Entwicklung sein würden, die uns immer mehr in ein technisches Wettrüsten und immer weiter weg von den eigentlichen Zielen führen würde?
Obwohl sicher viele sinnvolle Verbesserungen das Erreichen gewünschter Ergebnisse erleichtern, wäre es auch mal interessant zu erfahren, ob, und wenn inwieweit, die allseits präsente und Aufmerksamkeit heischende technische Entwicklung von jenem ablenkt, das früher m.E. mehr als heute im Zentrum des Interesses lag, dem Motiv.
Unterhaltungselektronik hat den Zweck zu unterhalten. No na. Fernsehgeräte, Radios, CD-Player, MP3-Player, Spielcomputer, Navigationsgeräte, das alles in echt oder als Untermenue des Mobiltelefons, liefern konsumfertige Unterhaltung an die zahlenden Verbraucher. Riesige Industrien leben davon. Weniger von den subventionierten Geräten, sondern von den überteuerten Inhalten.
Etwas anders die digitale Fotografie. Die Digitalkamera ist kein Mediaplayer, der fertige Bilder wieder gibt. Sie macht selbst welche. Besser gesagt, sie ermöglichst dem Inhaber, welche zu machen. Und im Gegensatz zum teuren Synthesizer, der nicht den Anspruch erheben kann, jeden Anfänger zum Tastenvirtuosen zu machen, wird dieser Anspruch in der Fotografie sehr wohl so erhoben. Oder so verstanden. Wie auch immer. Deshalb ist es ja auch so ein Problem, wenn Canon eine neue Superkamera raus bringt. Dann sind alle Canon User wieder einen Schritt voraus, auch die EOS-400D Besitzer. Und ich schreibe bewusst "User", nicht "Fotografen". Denn das Foto ist vorwiegend ein Nebenprodukt zum Beleg des Rauschverhaltens. So wie früher des Auflösungsvermögens. Oder noch früher der Farbtreue. Oder was auch immer.
Ist das jetzt irgendwie ein Problem? Hier anscheinend schon. Wieviele Leute gibt es, die ein Navigationssystem haben, obwohl sie ohnehin jedes Jahr die selbe Strecke in den Urlaub fahren und bis Sabbiadoro jeden von Straßenkötern verpinkelten Randstein kennen? Na eben. Und ebenso gibt es viele Leute, die eine D3 kaufen, weil sie eine Kamera mit sensationell niedrigem Bildrauschen bei ISO 6400 haben wollen. Ist diesen Leuten ein Motiv abhanden gekommen, welches sie früher hatten und welches ihnen die Technik jetzt verstellt? Nein. Die hatten nie ein Motiv. Vom Kaufmotiv mal abgesehen. Aber nun haben sie eine Kamera. Und gar keine Schlechte. Vielleicht findet ja der eine oder andere auf diesem Weg zur Fotografie? Wer weiss.
Früher einmal gab es gute Fotografen und sie haben Bilder gemacht, welche noch nach Jahrzehnten ihre Bedeutung als kulturelle Meilensteine hatten. Heute gibt es gute Fotografen, welche Bilder machen, welche noch im Jahrzehnten ihre Bedeutung als kulturelle Meilensteine haben werden. Und davon gibt es vermutlich nicht mehr und nicht weniger als früher. Woher auch. Dass diese wohl kaum für soundsoviele Millionen verkaufter Kameras im Jahr verantwortlich zeichnen, dürfte klar sein. Trotzdem profitieren sie von einer Entwicklung, welche die zig Millionen Knipser und Technikfetischisten voran getrieben haben. Obwohl sie das vermutlich gar nicht so bewusst wahr nehmen. Weil sie sich ja für das Motiv und nicht für die Technik interessieren. Und damit wohl kaum hier registriert sein dürften.