Es ist schlichtweg legitim, dass es bei diesen meiner Meinung nach grenzwertigen Kindermotiven zur Diskussion kommt. Wenn man instinktiv Unbehagen spürt, kann man das auch sagen – ohne gleich in die psychisch verkorkste Ecke gestellt zu werden – genauso wie der Fotograf für sich beansprucht, das so machen zu können.
Bei Kinderfotografie in diesem Fall kritischer zu sein, damit sensibler umzugehen und nach dem Anliegen zu fragen, macht durchaus Sinn.
Ich möchte mich an dieser Stelle Hank vollständig anschließen, aber noch eine kleine Ergänzung bzw. Differenzierung vornehmen. David ist ein professioneller Fotograf und ein Teil seiner Auftragsarbeiten besteht darin, Kinder für verschiedene Projekte abzulichten. Es mag unterschiedliche Auftraggeber und unterschiedliche Motivationen für das Erstellen der jeweiligen Bilder geben. In einigen Fällen - und so klang es auch bei diesem Beispiel an - sind die Auftraggeber die Eltern, die Bilder ihrer Tochter für ein Portfolio gebraucht haben, um das Kind dann eventuell im Modelbereich unterbringen zu können.
David hat dann im Rahmen seiner fotografischen Tätigkeit die Bilder gemacht - nach den Wünschen der Auftraggeber und mit Hilfe seiner künstlerischen Inspiration und seinem erfahrungsbasierten Gespür für erfolgsträchtige Marketingstrategien. Diese Verfahrensweise, so kann man ganz unaufgeregt feststellen, ist ein Teil einer Industrie, welche unter anderem darauf abzielt - wie im genannten Otto-Katalog-Beispiel auch), dass Kinder zu einer Ware gemacht werden, um damit langfristig gesehen Geld zu verdienen. Die Kinder partizipieren daran monetär, mal mehr und mal weniger.
In jedem Fall sollte man im Hinterkopf haben, dass es einer Illusion gleicht, wenn man behauptet, dass alle Kinder dies aus "freien" Stücken tun, wenn man einmal das Arbeitssetting genauer betrachtet. Natürlich macht man sich auch die Neugierde und den Spieltrieb der Kinder zunutze, aber die Eltern - so auch Davids Erfahrung - haben ein bestimmtes und meist auch ergeiziges Ziel, welches sie mit ihren Kinder umsetzen wollen. Das dabei auch "gepushed" wird, ist wahrscheinlich die häufigere Variante. Meist wird ein übermäßiges Drängen der Kinder aber gar nicht nötig sein, da Kinder völlig natürlicherweise ihren Eltern gefallen möchten und das "richtige" zun möchten. Und natürlich verfügen Kinder über das feine Gespür, den Wunsch ihrer Eltern zu antizipieren, noch bevor dieser mit Nachdruck in irgendeiner Weise geäußert werden musste. So kann das völlig bereitwillige Funktionieren der Kinder in solchen Situation, allzu schnell als die große Freiwilligkeit angesehen werden, bzw. mit ihr verwechselt werden - auch weil man diese Mär selbst nur allzu gerne glauben mag.
Fakt ist, dass diese genannten Mechanismen weitestgehend gesellschaftlich akzeptiert sind und in einem zunehmenden Maße auch gesellschaftlich belohnt werden. Das kann man feststellen, aber man muss es nicht mögen. Ich mag es überhaupt nicht.
Eine weitere Differenzierung würde ich bei dem eingeworfenen Begriff des "Sexismus" bzw. dem Begriff der "sexistischen Bilder" vornehmen wollen. Davids Bilder sind meiner Meinung nach nicht sexistisch, aber sie zeigen das Mädchen, bzw. heranwachsende junge Frau - wie in den zahllosen Beispielen der genannten Otto-Werbung auch - in einem durchaus sexuell konnotierten Zusammenhang und in einer durchaus leicht sexualisierter Form. Dies ist ebenfalls, durch die Werbung forciert, mehr und mehr zu einem Trend geworden und betrifft unsere Alltagswelt in einem solchen Maße, dass die Wahrnehmungs- und Differenzierungsfähigkeit, was die mögliche Problematik anbelangt einem Abstumpfungsprozess unterliegt. Es ist vielen Bereichen mittlerweile einfach "normal" geworden, das Kinder, wie kleine Erwachsene inszeniert werden - inklusive dem "Sex-Sells-Factor" einer visuell inszenierten Sexualisierung von Kindern und Heranwachsenden.
Auch dies ist Teil der gesellschaftlich akzeptierten Realität und auch hier bleibt es jedem selbst überlassen, ob einem diese Realität gefällt oder nicht. Mir persönlich gefällt dieser Aspekt der Realität nicht.
Das solche Bilder polarisieren, finde ich persönlich gut

Und wenn alle Beteiligten sich einer Diskussion jenseits von "Totschlag-Argumenten", "Spekulationen über die jeweilige psychische Gesundheit des Gegenübers" und dem "Hinweis auf Inquisition" und "Hexenjagden" öffnen und ihre Begrifflichkeiten sorgsam dosiert und differenziert gebrauchen - dann ist das eigentlich ein ganz interessanter Thread.
Wenn vielleicht auch nicht ganz im Sinne von David.......
Viele Grüße,
Jochen