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Den Messias habe ich dann Jahre später in Neuseeland in der Auckland Music Hall zum ersten und bis heute zum letzten Mal live gesehen. Aber ich vergesse nicht mehr, wie alle Leute beim Halleluja aufgestanden sind und mitgesungen haben.
Mich berührt es heute noch unglaublich, wenn ich daran denke.
Händel hatte nicht nur ein Händchen als Unternehmer, sondern beherrschte als „Tonkünstler“ die verschiedensten Kompositionsstile der damaligen Zeit. Es ist wichtig zu wissen, dass sich die musikalischen Zentren dazumal sehr eingeschränkt in Europa verteilten. Da war einmal Italien mit ihren Hochburgen, Venedig, Rom, Bologna und einige andere mehr. In Frankreich gab es lediglich Paris, in Deutschland waren es Leipzig, Dresden, aber auch Hamburg, dann aber auch Mannheim (Mannheimer Schule, dessen Gründungsmitglieder u.a. der Vater von Carl Stamitz war. In zweiter Generation dann Carl Stamitz selbst und Mozart...). Österreich - Habsburg hatte zwei musikalische Zentren, Wien und Salzburg, im Osten waren es Prag, dann Moskau in England London und weiter nördlich Den Haag.
Noch gab es keine Tonträger, um die Musik unters Volk zu bringen. Man musste also, um bekannt zu werden, insbesondere die "Geldgeber" zufrieden stellen. Und die konnten sich die Musik aussuchen. Und so wackelte nicht selten ein Stuhl eines genialen Tonkünstlers.
Ich mag diese Gegend hier, der Nordosten von Deutschland. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir hier sind. Mecklenburg - Vorpommern, Dresden, schon ein paar Mal Berlin, der Spreewald. Ich mag das irgendwie, die Menschen gefallen mir, die Natur und die – für mich als Schweizer – fast unendliche Weite. Wir verbringen hier die Zeit an einem See, in einem „Ferienhausquartier“, ehemalige Ferienhäuschen aus der DDR Zeit.
Für mich, der weder Könige noch andere Regime erlebt hat, empfindet das alles als sehr idyllisch.
Einige Menschen wohnen hier fest, oder haben hier ihre Altersresidenz eingerichtet. Man findet schmucke und weniger schmucke Häuser, grosse und kleine, gepflegte und halb verwilderte Grundstücke. Die Nachbarn neben uns, ein älteres Paar, wohnt in einem kleinen schönen Häuschen. Jeden Tag pflegen sie ihren Garten, einen fast perfekten englischen Garten mit einem Fussballrasen, abgetrennten Blumenbeeten, gedeckter Terrasse, Blumenkistchen und allerlei Kunstfiguren.
Ich dachte nie über Bilder nach. Ich wusste sie würden entstehen an Ort und Stelle. Wie immer habe ich mich auf die Zwischentöne konzentriert, habe Dinge berührt, gehorcht und gespürt. Manche Dinge empfand ich als schön, andere wiederum nicht, aber die Bilder hatten zur Musik zu passen und umgekehrt.
Es sollte ein Ganzes werden, eigenen, aber ein Ganzes.
Alleine die reichen Leute und das waren halt nun mal nur Könige und Fürsten und ihre Verwandten konnten sich dazumal Kunst leisten. Darum sieht man in jedem Schloss oder „Schlösschen“ Kunst: Gemälde, Büsten und aus alter Zeit, Fresken und was noch alles dazu gehört. Die preussischen Könige haben das aber unterschiedlich gehalten. Während der eine sogar eine Kunstakademie gegründet, finanziert und gefördert hat, haben andere die „Kunst“ ihren Gemahlinnen überlassen und sich auf Politik und ihre Auswüchse konzentriert. Es gab jene preussischen Könige, welche vorbildlich bescheiden lebten, auf einem Feldbett nächtigten. Anderen konnte es nicht pompös genug sein. Der eine König hielt von Staatschulden nicht viel, der andere fand, dass dies zum staatlichen Unternehmen dazu gehört.
Aber irgendwie haben sie mich alle angeschaut, mir Dinge erzählt, da sie eben schon lange dort standen. Hie und da bin ich minutenlang um die eine oder andere Figur herum gestanden und habe gewartet, was sie sagt.
Es ist nicht zu unterschätzen, dass zu damaliger Zeit die musikalischen Werken festen Grundschematas unterworfen waren. Opern hatten ihre strengen musikalischen Regeln, genau so wie Oratorien oder sinfonische Werke. Jeder „Ausbruch“ aus der Norm hatte entweder finanzielle und/oder künstlerische Folgen für den Komponisten, welche ohne Probleme massive Auswirkungen auf die Popularität des Künstlers haben konnte. Insbesondere bei Opern, bei welchen der Komponist vom Librettisten abhängig war, entstanden häufig deftige Konflikte zwischen ihnen.
Was wäre, wenn die Fotografie auch solchen Grundsätzen unterworfen wäre?
Die Musik stand oft in Konkurenz zur Lyrik und man war sich unterschiedlicher Meinung, ob die Musik die Texte untermalen oder umgekehrt. Künstlerische Freiheit war für jene Künstler oft ein Fremdwort und bevor man etwas Neues wagen konnte, musste man schon einen Namen haben und sich im gängigen Genre bewiesen haben. Ich nehme hierbei ein Beispiel von Ludwig van Beethoven, welcher mit dem Triple Konzert für Klavier, Solostimmen und Chor die Freiheit genommen hat, die stieren Gesetzmässigkeiten der Sinfonie aufzuweichen. Dass er es in der 9. Sinfonie ein zweites Mal tat und dies mit nachhaltigem Erfolg, sei ihm bis heute verdankt.
Und so bin ich auch immer wieder mit dem konfrontiert, ob meine Bilder die Geschichten untermalen oder umgekehrt. Manchmal bin ich mir da sehr unschlüssig....
Ich mag Schlösser und Burgen als Zeitzeugen aber auch Kirchen. Nicht etwa darum, dass ich die Zeit dort verherrliche und beschönigen würde. Ich hätte vermutlich als Freigeist sehr gelitten in dieser Zeit, hätte mich gegen Krieg, Macht und Hinrichtungen gewehrt und wäre wohl kaum alt geworden. Vielleicht hätte ich mich aber auch durchgemogelt mit meiner grossen Klappe und meinem Scharfsinn für Menschen und Situationen. Aber ob ich glücklich gewesen wäre, dass mag ich doch zu bezweifeln.
Händels Kindheit war, wie auch deren so mancher Könige, alles andere als harmonisch. Das hat ihn, so meine ich weit mehr geprägt als man gemeinhin annimmt. Das gleiche gilt auch für die preussischen Könige, bei denen zwar die Kindheit erwähnt und beschrieben wird, sie aber selten in Zusammenhang mit dem Handeln als Erwachsener in Zusammenhang gebracht werden. Aus heutiger Sicht waren die meisten preussischen Könige als Kinder mehr oder weniger massiven und offensichtlichen Misshandlungen ausgesetzt. Ich schreibe bewusst aus heutiger Sicht, da es in dieser Zeit fast zur Normalität gehört hat, den Eltern hörig zu sein und die Eltern fast uneingeschränkt Mittel zur Verfügung hatten, ihre Kinder zu erziehen und zu formen. Für Adelsfamilien kam zusätzlich der Druck dazu, dass eines ihrer Kinder, hauptsächlich der erstgeborene Sohn, die Geschäfte des Vaters übernehmen musste. Also begann man frühzeitig mit der entsprechenden Erziehung.
In einer Anektode soll Friedrich Wilhelm I. seinem kleinen Jungen auf den Geburtstag Bleisoldaten und eine Querflöte geschenkt haben. Der kleine Friedrich II. aber spielte lieber mit der Querflöte als mit den Bleisoldaten, sehr zum Ärger des Vaters. Der französische Erzieher, den der Vater eingestellt hatte, unterstützte den kleinen Friedrich Wilhelm in seiner musischen und intellektuellen Begabungen und förderte ihn wo er nur konnte. Es war denn auch Friedrich II. welcher wunderschöne Kompositionen zustande brachte und gerne mit Komponisten musizierte. Friedrich II. war ein grosser Bewunderer von Händel und sich, vergeblich, um den Nachlass von Händels Musik bemüht.
Ich kehre zurück in meinen Gedanken zur Kindheit von Händel und den Königen. Misshandlungen als Kind ausgesetzt, prägt das ganze Leben und bestimmt auch Handlungen als Erwachsener mit. Und nicht nur das. Es hat auch seine Wirkung auf das Umfeld der Betroffenen. Das ist wohl keine Entschuldigung für weitere Schandtaten als Erwachsener, aber zumindest eine Erklärung. Weit mehr als achtzig Prozent von Erwachsenen, welche Kinder misshandeln, wurden in ihrer Kindheit ebenfalls misshandelt. In wie weit dies im Detail das Handeln der Könige beeinflusst hat, habe ich nicht studiert, aber bei einigen Ereignissen konnte ich aus dieser Sicht den Entscheid dennoch sehr wohl nach voll ziehen.
Das hat mich alles sehr berührt. Wie schafft man solche Musik, welche so schön ist ...
Händel wird als ruheloser Mensch beschrieben. Gleichzeitig aber auch als Lebemann, der an Festen teilnahm und unendlich viel Essen und Trinken konnte. Vom schlanken Burschen wurde der hoch gewachsene Sachse bald zum leiblichen Körper. Dennoch hatte er eine fast unverwüstliche Gesundheit und wurde für damalige Zeiten, beachtet man noch seine „Arbeitswut“ und sein Stress sehr alt. Beim Lesen seiner Lebensgeschichte kam mir so oft seine Kindheit in den Sinn, die „gebrochene Beziehung“ zu seinem Vater, die kindliche, offene und innige Beziehung zu seiner Mutter. Mir kam hie und da der Gedanke, dass er mit Deutschland gebrochen hatte wegen seinem Vater, und er alles unternahm, dass nicht er im Zentrum stand, sondern das die Menschen seine Musik verstehen.
Händel wusste sehr wohl, dass er ein genialer Komponist war, aber zwischendurch hat es mich schon fast erschreckt, mit welcher „Penetranz“ er seine Werke schuf und sie den Leuten vortischte. Mich hat es dann auch nicht verwundert, dass er oftmals die Zuhörer mit seiner Intensität überfordert hat. Gleichzeitig hat er oft nicht verstanden, warum seine Musik dann plötzlich nicht ankommt. Wer sich so ins Zentrum stellt wie Händel, wird unweigerlich zum Spielball der Öffentlichkeit, der Neider und Konkurenten. Händel hatte auf dem „Festland“ einige Konkurenz, welche er aber nicht zu fürchten brauchte. Ob Händel in Deutschland seinen Platz gefunden hätte, weiss ich nicht. Das „musikalische Acker“ konnte er in England aber weitgehend alleine beackern, was ihm trotz Widrigkeiten doch einiges erleichtert haben dürfte.
Misshandelte Menschen sind und bleiben ein Stück weit immer einsam. Dies wird Händel nicht attestiert. Er war umgeben von Menschen, pflegte offensichtlich gute und freundschaftliche Kontakte zu vielen Menschen. Über seine Kindheit, über seine Heimat hat er dennoch sehr wenig bis gar nicht gesprochen. Seine Aufenthalte in Deutschland sind im Gegensatz zu seinen Italienreisen und seinem Aufenthalt in London wenig bis gar nicht dokumentiert.
Ich habe hier sehr viel Musik von Händel gehört. Und zwischendurch scheint mir doch eine grosse, tiefe Einsamkeit in seinen Werken durchgedrungen zu sein. Nicht offensichtlich, aber so zwischen den Tönen meinte ich ihn nach Zuneigung, vorbehaltloser Liebe und Akzeptanz gerufen zu haben. Dies insbesondere in seinen kirchlichen Werken.
So sehr sie in der Lyrik streng biblisch gehalten sind, sind es die Töne nicht. Sie sind einmal sehr verspielt, ja fast theatralisch aber immer von ungeheurer Intensität. Und gerade der Messias ist es, der mehr nach kindlicher Sehnsucht ruft, als nach göttlicher Huldigung. Die Opern liessen Händel wenig Spielraum in für Doppeldeutigkeiten. Die Libretti gaben den die Handlung an. Dennoch hat er auch hier den Protagonisten seine eigene Note gegeben. Händel vereint aber im Messias das Göttliche und das Weltliche in einem Zuge. Er hat nicht nur die vom Librettisten biblischen Sätze aus dem alten und neuen Testament vollständig um gestellt, sondern sie auch entsprechend pointiert vertont. Und er hat sich ja vollständig geweigert, die Noten des Messias drucken zu lassen, so wie es bei all seinen anderen Werken getan hat.