Ein visuelles Gespräch über die Kunst des Zulassens
Mit „Being Young – Portraits of Becoming“ legt Wolfgang Strassl ein Fotobuch vor, das sich bewusst gegen Inszenierung stellt und stattdessen auf leise, intensive Porträts setzt. Nachdem mich die erste Ankündigung neugierig gemacht hat, konnte ich mir das Buch nun genauer ansehen. Es ist eine beeindruckende Studie über das Werden und die stille Kommunikation zwischen Fotograf, Motiv und uns als Betrachter.
Die Authentizität des Unverfälschten
In der zeitgenössischen Porträtfotografie geht es oft um Inszenierung. Wolfgang Strassls Arbeit hingegen widersteht diesem Trend mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung. Seine Bilder verzichten auf konzeptionelles Beiwerk, um Raum für das „Werden“ zu lassen – diesen manchmal fragilen, aber auch strahlenden Zustand zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.Simon Hill (Präsident der Royal Photographic Society) betont in der Einleitung, dass diese Porträts nicht „laut sprechen“. Sie drängen uns keine Erklärung auf, sondern laden zu einer leisen Konversation ein.
Ein Beispiel für die „stille Aufmerksamkeit“: Das Motiv im Dialog mit den eigenen Skizzen.
Die Kamera als „magisches Werkzeug“ der Verbindung
Besonders bewegend sind Strassls Reflexionen über die Begegnung an sich. Er begreift ein Porträt als das Resultat eines gegenseitigen Zulassens: Das Motiv zeigt nur das, was es in diesem Moment zeigen will, und der Fotograf sieht das, was er zu sehen bereit ist. Strassl hinterfragt dabei sogar seine eigene Wahrnehmung – war dieser Moment der Verbindung real oder nur seine Vorstellung?Für Strassl ist die Kamera ein beinahe magisches Instrument:
- Schutzraum statt Bedrohung: Im Gegensatz zu einem menschlichen Gegenüber ist die Kamera wertfrei und daher nicht bedrohlich.
- Ehrlichkeit durch Distanz: Während direkter Blickkontakt zwischen Fremden oft einschüchternd wirkt, ermöglicht das Objektiv eine geschützte Intimität.
- Die indirekte Verbindung: Paradoxerweise schafft die Distanz des Porträts eine Nähe, die im echten Leben oft unmöglich wäre. Der Betrachter kann dem Porträtierten so lange in die Augen schauen, wie er möchte – eine Intensität, die im Alltag selten auszuhalten ist.
Blickkontakt über Umwege: Die Reflexion im Spiegel schafft eine zusätzliche Ebene der Beobachtung.
Aufbau und Layout: Eine klare visuelle Sprache
Das Buch besticht nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch seine handwerkliche Gestaltung. Verantwortlich für das Design zeichnen Wolfgang Zurborn und Andreas Koch. Der Aufbau folgt einer klaren Struktur:- Struktur: Auf 160 Seiten entfaltet sich eine Sequenz, die den Protagonisten viel Raum gibt. Die Texte von Simon Hill, Aaron Schuman und Strassl selbst bilden den fachlichen Rahmen.
- Haptik & Material: Gedruckt auf hochwertigem Papier (Magno Volume) und mit einem Einband aus NSB Fühlkarton, unterstreicht die Materialität den Wert dieses Fotobuchs. Die Wahl der Schriftart „Georgia“ ergänzt den klassischen, zeitlosen Charakter.
Warme Tonalität und eine entspannte Präsenz: Das Layout lässt den Charakteren Raum, ihre eigene Wirkung zu entfalten.
Fazit: Ein Plädoyer für das „Gesehenwerden“
„Being Young“ zeigt, wie sehr Porträtfotografie von Vertrauen und intuitiver Wahrnehmung lebt. Strassl erinnert uns daran, dass wir beim Fotografieren anderer immer auch einen Teil von uns selbst einfangen. Ein Muss für jeden, der die Porträtfotografie nicht als Jagd auf Motive, sondern als eine ehrliche Begegnung auf Augenhöhe versteht. Besonders empfehlenswert ist das Buch für Fotograf:innen, die sich mit authentischer Porträtarbeit und psychologischer Bildsprache beschäftigen.Produktdetails:
- Titel: Being Young – Portraits of Becoming
- Fotograf: Wolfgang Strassl (Texte: Wolfgang Strassl, Simon Hill, Aaron Schuman)
- Verlag: KERBER Verlag
- Format: 20,0 × 26,7 cm, 160 Seiten
- Preis: € 36,-
- ISBN: 978-3-7356-1084-3
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