"Abfall" im Verhältnis zu was?
Bildbeispiel:
https://www.flickr.com/photos/enrico-heller/14963092937/in/photostream/
Dieses Foto wurde von rico77 mit dem Zeiss Apo-Sonnar 2/135 bei der Blende 2,0 aufgenommen, also mit einem Hochleistungsobjektiv, welches bereits bei voller Öffnung die Einstellebene mit einer vergleichsweise sehr hohen MTF in die Sensorebene abbildet.
Wie Du siehst, werden die ganz in der Nähe der Einstellebene gelegenen Details des rechten Auges der Katze deutlich kontrastreicher abgebildet - und damit aus der Sicht des Betrachters "schärfer" gegeneinander abgegrenzt - als die Details des von der Einstellebene weiter entfernten linken Auges.
Dies liegt daran, dass ein Objektiv bei einer bestimmten Blende – in diesem Fall 2,0 – nur diejenigen Motivdetails mit der bei der jeweiligen Blende maximalen MTF abbildet, die exakt in der Einstellebene liegen, und daher auch als einzige mit der maximalen MTF in der Sensorebene abgebildet werden. Alle Motivdetails, die im Objektraum vor oder hinter der Einstellebene liegen, werden hingegen auch im Bildraum nur hinter oder vor der Sensorebene mit maximaler MTF abgebildet. Motivdetails, die im Objektraum vor oder hinter der Einstellebene liegen, werden also in der Sensorebene nicht mehr mit maximaler MTF abgebildet, sondern nur noch mit einer im Vergleich zur maximalen reduzierten MTF.
Daher wird bei der Abbildung der Details des rechten Auges der Katze der Motivkontrast stärker verringert, als bei der Abbildung der Details des linken Auges. Daher ist auch der Bildkontrast der Details des linken Auges geringer, als der Bildkontrast der Details des rechten Auges. Und daher nimmt der Kantendetektor unseres visuellen Systems bei der Betrachtung dieser Fotografie die Details des rechten Auges als "schärfer" gegeneinander abgegrenzt wahr, als die Details des linken Auges. Aus welchen Gründen und auf welche Art und Weise der Kantendetektor unseres visuellen Systems eine kontrastreichere Abgrenzung von Bilddetails als "schärfer" gegeneinander abgegrenzt wahrnimmt, was dann zu ihrer besseren (Wieder-)Erkennbarkeit führt, wird zum Beispiel in der nachstehend verlinkten Präsentation recht anschaulich erläutert:
http://slideplayer.de/slide/891014/
All dies vorausgeschickt, könntest Du Dir nun bei Interesse auf der Seite 23
der hier verlinkten Broschüre "Schärfentiefe und Bokeh" die in der linken Spalte übereinander abgebildeten drei "Through-focus MTF" für drei verschiedene Objektive ansehen:
- Bei dem obersten Objektiv – ein Hochleistungsobjektiv bei Blende 1,5 – beträgt der tangentiale MTF-Wert für die Ortsfrequenz 40 LP/mm in der Bildmitte (Bildhöhe 0 mm) bei einer Defokussierung im Bildraum von 0 mm ca. 85%. Bei einer Defokussierung im Bildraum von - 0,03 mm fällt er auf ca. 45% ab. Differenz: ca. 40%
- Bei dem mittleren Objektiv – ein "normales" modernes Objektiv bei Blende 1,4 - beträgt der tangentiale MTF-Wert für die Ortsfrequenz 40 LP/mm in der Bildmitte (Bildhöhe 0 mm) bei einer Defokussierung im Bildraum von 0 mm ca. 50%. Bei einer Defokussierung im Bildraum von - 0,03 mm fällt er auf 25% ab. Differenz ca. 25%
- Bei dem unteresten Objektiv – ein historisches Objektiv bei Blende 1,5 - beträgt der tangentiale MTF-Wert für die Ortsfrequenz 40 LP/mm in der Bildmitte (Bildhöhe 0 mm) bei einer Defokussierung im Bildraum von 0 mm ca. 35 %. Bei einer Defokussierung im Bildraum von + 0,03 mm fällt er auf ca. 25% ab. Differenz ca. 10 %.
Der bei der identischen Blende 1,4 vorliegende "Schärfeabfall" zwischen der Abbildung eines exakt in der Einstellebene liegenden Bilddetails und der Abbildung eines vor oder hinter der Einstellebene liegenden Bilddetails ist also bei einem modernen Hochleistungsobjektiv – wie zum Beispiel dem
Sigma 1,4/50 Art - steiler, als bei einem "normalen" modernen Objektiv, wie zum Beispiel dem Nikkor 1,4/50G oder 1,4/58G, oder gar bei einem "historischen" Objektiv, wie zum Beispiel dem ersten Leica Summilux-M 1,4/50 von 1959.
Ob man nun den bei einem identischen Ausmaß an Defokussierung und bei der identischen Blende 1,4 steileren "Schärfeabfall" des Sigma 1,4/50 Art, oder den weniger steilen eines Nikkor 1,4/50G oder 1,4/58G, oder gar den am wenigsten steilen eines historischen 50ers für ein bestimmtes Motiv und eine bestimmte Bildauffassung etc. vorzieht, ist dann natürlich letztlich Geschmackssache. Und zumindest manche der Mitglieder hier scheinen ja den vergleichsweise etwas weniger steilen "Schärfeabfall" zum Beispiel des Nikkor 1,4/58G zu schätzen - zumindests bei bestimmten Motiven und bestimmten gestalterischen Absichten.
"Die technische Seite ist weitgehend durch objektive Test bewertbar. Auf Seite der Betrachter jedoch - für die ja der ganze Firlefanz gemacht wird - ist die Objektivität begrenzt.
Das trifft in dieser Verallgemeinerung nicht zu: "Die technische Seite" wird mit den Methoden der Physik bewertet. Die Seite der Betrachter mit den Methoden der Psychophysik. Und diese beiden Methoden unterscheiden sich nicht in ihrer Objektivität, sondern in ihrer jeweiligen Methodik. Und das einzige, was die Objektivität einer Messung der von Betrachtern subjektiv wahrgenommenen Bildqualität mit den Methoden der Psychophysik "begrenzt", ist die nachstehend zitierte Definition von "Bildqualität":
image quality
impression of the overall merit or excellence of an image, as perceived by an observer neither associated with the act of photography nor closely involved with the subject matter depicted
Quelle (3.4):
https://www.iso.org/obp/ui/#iso:std:iso:20462:-3:ed-2:v1:en
Wie man die von Betrachtern subjektiv wahrgenommene Bildqualität gemäß der oben zitierten Definition von "Bildqualität" misst, wird zum Beispiel in der nachstehend verlinkten Präsentation erläutert:
http://virtualwebsites.org/i3a/i3a_annual_conf_2009/I3A AC2009_Elaine Jin.pdf
Die Funktionsweise des auf der Seite 8 der vorstehend verlinkten Präsentation erwähnten "quality ruler" zur Messung der von Betrachtern subjektiv wahrgenommenen Bildqualität wird zum Beispiel hier erläutert (zur besseren Lesbarkeit oben rechts PDF anklicken):
http://spie.org/x31563.xml
Referenzbilder für die Messung der von Betrachtern subjektiv wahrgenommenen Bildqualität mittels dieses "quality ruler", sowie auch eine Gebrauchsanleitung, kannst Du Dir bei Interesse an einem "Kennenlernen" zum Beispiel hier herunterladen:
https://www.aptina.com/ImArch/
Weitere derartige Referenzbilder stehen bei weitergehendem Intersse zum Beispiel hier zum Download zur Verfügung:
http://live.ece.utexas.edu/research/quality/subjective.htm