Ich befürchte, Wiesner meint das ernst. Ich halte das allerdings für praktisch unmöglich. Wobei die Idee durchaus reizvoll ist, weit über Romantik hinaus. Tatsächlich gibt es einige unbesetzte Nischen. Nicht, dass es keine "Edelkompakten" geben würde, aber besonders bei Nikon ist weit und breit keine zu sehen. Über das kürzlich kursierte Gerücht in dieser Richtung hört man überhaupt nichts mehr. Canon hat soweit ich weiß noch nicht einmal Triebe, die langersehnte digitale AE-1 zu bauen, obwohl ich dieser Kamera sehr große Marktchancen eingeräumt hätte.
Im Gegensatz zu Wiesner, dessen Ansatz ich auch nicht verstehe. Volle Kontrolle, Vollformat und super Sucher beißen sich mit dem Ziel einer extrem minimalistischen Bedienung. Selbst wenn man (vernünftigerweise) bei DX bleibt, dürfte es unmöglich sein, eine Fuji X-E5 zu tippen.
Ganz abgesehen davon, dass die in Punkto Minimalismus schon sehr nahe an Wiesners KI-Mockups herankommt.
Nikon, Canon, Olympus und Fuji brauchen nur ins Regal zu greifen und könnten im Baukastensystem ruckzuck so eine Kamera entwickeln. Machen sie aber nicht. Vermutlich, weil sie sich trotz vorhandener Komponenten und Know-How keinen wirtschaftlichen Erfolg versprechen.
Interessieren würde mich allerdings mal, inwieweit es eine regelrechte OEM-Hersteller-Szene gibt, wo man Baugruppen fertig kaufen kann. Im Fotosektor dürfte die nicht allzu groß sein. Dazu wären deren Märkte zu klein.
Aber: So sehr ich zweifele, halte ich Wiesner nicht für völlig geisteskrank. Rollei hat es auch geschafft die 35 wieder an den Start zu bringen, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob analog einfacher oder sogar komplexer als digitales Baukastensystem ist. Allerdings könnte ich mir Rollei mit deren Kontakten als Partner für ein solches Projekt gut vorstellen. Für ausgeschlossen halte ich aber, dass eine bezahlbare Kamera dabei herauskommt, die annähernd qualitativ konkurrenzfähig ist.
Bei den Entwicklungskosten wird Wiesner noch manchesmal Herzrhythmusstörungen bekommen. Die 100.000 Euro werden zum Großteil für Reisekosten zu den OEM-Partnern in Asien draufgehen.
Nur zum Vergleich: Hier in meiner Nähe sitzt die heutige Firma Thorens. Gunter Kürten hat die Traditionsfirma für Plattenspieler übernommen und zum Erfolg geführt. Kürten hat in seinem Umfeld absolute Koryphäen aus der Entwicklung. Obwohl viele entscheidende Komponenten wie Tonabnehmer von der Stange gekauft werden und die Produktionspartner seine Tonarme bauen und mit Motorantrieben aus dem Regal kombinieren, dauert die Entwicklung ziemlich lange und Kürten reist ständig nach Asien, um vor Ort die Entwicklung zu koordinieren. Kürten hat allerdings schon ein Hifi-Traditionsunternehmen auf links gedreht und jahrzehntelange Erfahrung sowie beste Kontakte in eine sehr weit verzweigte Branche. Auf diese Weise klappt´s. Was Wiesner vorhat, klingt dagegen wie ein Himmelfahrtskommando, bei dem er nicht ansatzweise ahnt, was auf ihn zukommt. Geil finde ich es aber trotzdem und den Mut bewundere ich.
Hier fand ich es wirklich interessant.