Der Jüdische Friedhof Berlin Weißensee

Thread Status
Hello, There was no answer in this thread for more than 30 days.
It can take a long time to get an up-to-date response or contact with relevant users.

Esgaroth

Sehr aktives NF Mitglied
Registriert
Der Eingang zum Jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee liegt unweit meiner Arbeitsstelle.
Gelegentlich nutze ich eine Mittagspause oder einen (eher seltenen) frühen Feierabend für einen Besuch.
Oft mit der Kamera, aber nicht immer. Denn dieser Ort bietet nicht nur fotografische Motive, sondern macht - zumindest mich - auch ziemlich nachdenklich.

Die dabei bislang entstandenen Bilder habe ich hier z.T. auch schon gezeigt, aber ich habe das Gefühl, diesen Ort bisher dennoch nur sehr oberflächlich betrachtet zu haben.
Daher möchte ich mir den Jüdischen Friedhof Berlin Weißensee jetzt tiefer „erschließen“, sowohl fotografisch als auch inhaltlich (geschichtlich).

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob es der richtige Ansatz ist, aber um mich auf den Ort „zu konzentrieren“ habe ich mir einige fotografische „Restriktionen“ auferlegt:
nur ein Objektiv (50mm); alle Bilder mit Offenblende (1,4); unveränderter Bildausschnitt (die Rahmen überdecken keine Bildinhalte, sondern sind außen „angestückelt“); alle Bilder s/w (LR, PS oder Nik-Filter).
Stellt sich heraus, dass dieser Ansatz dem Ort nicht gerecht wird, werde ich auch kein Problem damit haben, diese Einschränkungen zu ändern oder gänzlich zu kippen.
Aber erst einmal will ich es damit versuchen, auch um eine gewisse „Durchgängigkeit“ der Bilder zu schaffen.

Die Ergebnisse werde ich Euch hier – in loser Form – zeigen.
Mal mit ergänzendem Kommentar zur Friedhofsgeschichte, mal mit Anmerkungen und manchmal wohl auch einfach nur aus Bildern bestehend.

Der Thread ist als „Langzeit-Projekt“ gedacht, da ich nicht immer die Zeit oder auch die Muße bzw. Motivation habe, mich dem Thema „kompakt“ zu widmen.
Eher im Gegenteil möchte ich auch gerne einfach mal Zeit und Zeiten verstreichen lassen, um Stimmungen und Tages- oder Jahreszeiten wirken zu lassen.

Ich lade Euch also nun ein, mich auf meinen Erkundungen des Jüdischen Friedhofs in Berlin Weißensee zu begleiten.

01
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Anzeigen
Der Jüdische Friedhof in Berlin Weißensee entstand 1879/80, da sich auf Grund des starken Wachstums der Jüdischen Gemeinde abzeichnete, dass der bisherige Friedhof in der Schönhauser Allee bald keine weitere Kapazität mehr hätte.
Dies rührt auch daher, dass gemäß jüdischer Tradition Beerdigungsstellen nicht wieder belegt werden, sondern die Grabstätte dem Verstorbenen „bis zum Jüngsten Gericht“ als Ruhestätte dienen soll.
Das für den Bau nötige Areal wurde in Weißensee erworben, damals noch ein Vorort der Stadt Berlin.

02
picture.php


03
picture.php


04
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Auch im vorletzten Jahrhundert war „das Bauen“ nicht immer einfach und so brauchte der Friedhof mehrere architektonische Anläufe, bis schließlich ein - überarbeiteter - Entwurf vom späteren Leipziger Stadtbaurat Hugo Licht (1841−1923) realisiert wurde.
Schon mit Baubeginn war der gesamte Lageplan inklusiver aller Gebäude dann aber vorgezeichnet und so konnte der Friedhof - nach Fertigstellung der nördlichen Hälfte - am 09.09.1880 eingeweiht werden.

05
picture.php


06
picture.php


07
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Die tatsächliche „Belegung“ des Jüdischen Friedhofs in Berlin begann dann am 22.09.1880 mit der Beerdigung eines gewissen Louis Grünbaum.
Heute ist der seit 1977 unter Denkmalschutz stehende Friedhof der mit 42 Hektar flächenmäßig größte erhaltene in ganz Europa und zählt über 115.000 Grabstellen.

08
picture.php


09
picture.php


10
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Der Jüdische Friedhof in Berlin Weißensee steht auf der sogenannten „Tentativliste für die Welterbeliste der Unesco“, d.h. es läuft eine Bewerbung auf Anerkennung als Weltkulturerbe.
Dies u.a. aus architektonischen Gründen (so ist z.B. die Friedhofsmauer teilweise direkter Bestandteil der Gebäudeanlage) aber auch vor dem Hintergrund der großen Zahl der hier Beerdigten.
Unter diesen finden sich naturgemäß auch viele namhafte Persönlichkeiten insbesondere aus der Kaiserzeit oder der Weimarer Republik:
Dazu zählen etwa der Sozialpolitiker Max Hirsch (1832-1905), der Schriftsteller Michael Josef Bin Gorion (1865-1921), der Maler Lesser Ury (1861-1931), der Verleger Samuel Fischer (1859-1934) oder der Hotelier Berthold Kempinski (1843-1910).
Und aus neuerer Zeit etwa der Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001).

11
picture.php


12
picture.php


13
picture.php


14
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Die Anlage der insgesamt 120 Grabfelder folgt streng geometrischen Formen (Rechtecke, Dreiecke oder Trapeze).
Der „Belegungsplan“ ist alphabetisch und numerisch aufgebaut und beginnt bei A1 am nördlichen Haupteingang und geht über P5 am südlichen Ende bis hin zu Z4 am süd-westlichen Rand.

15
picture.php


16
picture.php


17
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Das gesamte Areal des Friedhofs ist weitestgehend mit Bäumen und Hecken bestanden und viele Grabfelder sind großflächig mit Efeu überwachsen.
Dieser „Wildwuchs“ wird dadurch befördert, dass – wie geschrieben - die Grabstätten nur einmal belegt werden, eine Grabpflege auch nicht zur jüdischen Tradition gehört und es keinen Grabschmuck mit Blumen gibt.

18
picture.php


19
picture.php


20
picture.php


21
picture.php


22
picture.php



t.b.c.
Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Ich wollte Dich nicht unterbrechen, Bernd. Eine sehr beeindruckende und gut fotografierte Serie! Danke!
 
Kommentar
Da mir die Daumen ausgegangen sind, habe ich die Sterne vergeben, Bernd. Aber ich hätte sie auch mit Daumen vergeben ....:):up::up::up:
 
Kommentar
Eine sehr sehr schöne Serie. Auch die BA ist sehr gelungen.

Schwer ein Bild zu favorisieren, aber Nr. 6 hat es mir angetan, weil mein Auge zuerst drüberfliegen wollte und dann ... halt, da ist doch so ein kleines, aber wesentliches Detail. Solche Bilder mag ich :up:
 
Kommentar
Ein sehr interessantes Projekt, das ich auf jeden Fall weiter verfolgen möchte. Du hast deine Motive sehr sorgsam ausgesucht und abgelichtet.
 
Kommentar
Lieber Bernd,

vielen Dank für die schönen Bilder und die Beschäftigung mit diesem Friedhof! Ich habe dort auch schon Fotos gemacht, aber nicht vergleichbar mit Deinen.

Interessant ist vielleicht noch die allgemeine Frage, warum viele Jüdische Friedhöfe die Nazizeit nahezu unbeschadet überstanden haben, während die Synagogen und Zeugnisse deutscher Kultur in Deutschland zerstört und die jüdische Bevölkerung ermordet worden ist. Mich hat das mal interessiert und ich habe nach einer Antwort gesucht.

Ein interessanter Aufsatz führt dies auf das Bestattungsrecht zurück, das zwischen 1933 und 1945 unverändert fortbestand und keine Unterschiede zwischen jüdischen und nichtjüdischen Friedhöfen vorsah. Deshalb verwahrlosten die Friedhöfe zwar mehr und mehr. Örtliche Naziführer betrachteten sie durchaus als Ärgernis, durften sie aber nicht beseitigen. Entsprechende Begehren lehnte der Deutsche Gemeindetag jedoch noch 1940 mit folgender Begründung ab:

„Da bisher Sonderbestimmungen über die Behandlung der Juden auf dem Gebiete des Friedhofswesens noch nicht erlassen sind, gelten die allgemeinen Vorschriften zunächst auch für sie weiter. Danach besteht keine Möglichkeit, die weitere Belegung des jüdischen Friedhofs zu verhindern. Auch die Schließung des jüdischen Friedhofs lediglich zum Zwecke der Straßenerweiterung kommt nicht in Frage; denn als Schließungsgründe sind anerkannt nur Überbelegtheit oder gesundheitspolizeiliche Gefahren."


Doch auch nach der Schließung eines Friedhofs war noch eine Ruhezeit von 40 Jahren zwingend zu beachten. So ließen die Nazis zähneknirschend die Grabsteine stehen.

Für den "Endsieg" war eine radikale Neuregelung des gesamten Bestattungswesens geplant, damit v.a. Planungen wie die von "Germania" rücksichtslos umgesetzt werden konnte (beim Schöneberger Matthäus-Kirchhof z.T. schon umgesetzt). Dazu kam es zum Glück nicht. So haben die jüdischen Friedhöfe in Deutschland den Holocaust überlebt und stellen ein einzigartiges Zeugnis für das reichhaltige jüdische Leben bis 1933 dar.

d.
 
Kommentar
Frühere jüdische Friedhöfe zeichneten sich meist durch einfache und einheitlich gestaltete Grabstätten aus.
Im Gegensatz hierzu und auch in deutlicher Abgrenzung zu der weiterhin „einfachen“ Bestattungskultur bei den orthodoxen Juden
entstanden auf dem Jüdischen Friedhof Berlin Weißensee aber bald nach der Einweihung größere Erbbegräbnisstellen, Prachtgrabmale oder auch Mausoleen.

30
picture.php


31
picture.php


32
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Ein Teil der heutigen Beschädigungen des Friedhofes geht auf die Zeit des 2. Weltkrieges zurück.
Während das Areal erstaunlicherweise von den Nazis kaum behelligt wurde, wurde der Friedhof aber in den Jahren 1943 – 1945 manchmal bei den Bombenangriffen der Alliierten in Mitleidenschaft gezogen.
Über 4.000 Gräber, die Gärtnerei, die neue Feierhalle und dort versteckte Thorarollen wurden so durch (Brand-) Bombentreffer vernichtet.

33
picture.php


34
picture.php


35
picture.php


36
picture.php


Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Während der Nazidiktatur wurden die meisten Juden Berlins ermordet oder waren ausgewandert, so dass nach dem Ende des 2. Weltkrieges der Friedhof nur noch von der kleinen jüdischen Gemeinde Ostberlins genutzt wurde.
Da auch die Ost-Berliner Stadtverwaltung anfänglich keine Anstrengungen zum Erhalt des Friedhofes unternahm, verfielen und verwilderten große Areale des Geländes über Jahrzehnte.


37
picture.php



38
picture.php



39
picture.php



40
picture.php



Gruß
Bernd​
 
Kommentar
Unglaublich innige Bilder sind das, Bernd ... :up::up::up:

Danke, Sam.
Dieser Friedhof ist gleichzeitig schön und furchtbar, einladend und abweisend, verwunschen sowieso...
ich kann dort immer nur eine gewisse Zeit verweilen, dann wird es mir in gewisser Weise zu intensiv.
LG
Bernd
 
Kommentar
-Anzeige-
Zurück
Oben Unten