Lasst uns mal bei der ursprünglichen Intention des TE bleiben!

...Wir leben in einer Zeit, in der das Machbare auf jeden Fall auch gemacht wird. Die Antwort auf die Frage, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, liefert also nicht die Industrie!
Die Industrie liefert, was die Marketingler als Verkaufsargumente erfinden. Die Wünsche der Kunden pflegt man im Bereich der Konsumgüterindustrie weitläufig zu umgehen.
Beispiel? Die äußerlich fett gewordenen Automobile, die in kein Parkhaus mehr passen wollen mit gleichem (oder kleiner gewordenem) Innenraum, für deren Bedingung erst mal ein IT-Kurs belegt werden muss und bei denen man einen Dienstleister benötigt, um ein defektes Leuchtmittel zu ersetzen... Bei Kameras ist das nicht anders. Wie viele Kunden "brauchen" unbedingt eine Videofunktion in einer D750? Hätten sich nicht die Konstrukteure besser einen Kopf darum gemacht, ihr das Spiegelklappern bei Liveviewaufnahmen abzugewöhnen und ihr einen flinken Kontrastautofokus einzupflanzen,
der auch mit lichtstarken Objektiven den gewünschten Punkt zuverlässig trifft?
Der Trend zu immer mehr Schärfe suggeriert, besonders dem Neueinsteiger, derselben eine Wichtigkeit und Bedeutung, die sie einfach nicht, oder zumindest sehr oft nicht hat.
Wir sollten hier dem Neueinstiger mit Verständnis entgegentreten. Schärfe von der Frontlinse bis zum Polarstern ist eine Eigenschaft, die Knipsen mit kleinem Sensor und kurzen Brennweiten automatisch mitbringen. Die große Mehrzahl der fotografierenden Zweibeiner sind Jäger und Sammler, denen heutzutage die Zeit und die Gabe fehlt, ihr "Revier" sorgfältig zu beobachten. Sie erfreuen sich daran, auf dem Bild Dinge entdecken "zu können"(ob sie es tun mag fraglich bleiben), für die sie sich in der Realität bei der Aufnahme nicht die Zeit genommen haben, um sie ausführlich zu erkunden.
Diese Menschen sind glücklich, wenn ihnen die Kamera Detailreichtum umd Schärfe
freihand liefert. Es ist schlichtweg nicht "ihr Ding", Bilder zu komponieren bei denen sie
noch die Entscheidung treffen müssen, wo der Raum in Unschärfe versinken darf oder soll.
Für die "Sammler" ist Unschärfe ein Verlust (an Detail-Reichtum)!!!
"Schärfe ist die Ästhetik der Idioten"(
https://de.wikipedia.org/wiki/Idiot) zitiere ich hier mal einen langjährigen Freund, der weit über 35 Jahre das Feld der Werbefotografie erfolgreich beackert. Ich kann ihn jedoch daran erinnern, nicht allzu ungnädig zu sein.
Schließlich hatte er lange genung Zeit, sich mit Unschärfe herumzuschlagen, denn das Handwerkszeug seiner Ausbildung hatte für heutige Verhältnisse eine notorisch geringe Tiefenschärfe: ob 6x6, 6x7, 4"x5" oder größer, da musste die Blende mindestens auf 11
geschlossen werden (und bei Großformat die Standarten verschwenkt) um die Kunden
zufrieden zu stellen.
Damit einher geht etwas, dass ich hier mal ganz frech als Verblendung bezeichne. Abbildungsleistungen werden zum Verkaufs- und Kaufargument, während der Zauber einer gewissen, etwas nebulösen Darstellung bestimmter Motive, als mögliche Bereicherung für ein Foto, immer seltener in Erwägung gezogen wird.
Ist es möglich, dass Du "Verblendung" schreibst, jedoch einen "Mangel an Bildung"
meinst? Wenn man sich in Museen herumtreibt in denen die Bilder nach Epochen geordnet sind, wird man überrascht feststellen, dass es in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Brüche in der Darstellungsweise gab. Ich erinnere an die fast fotorealistisch dargestellten Stilleben der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, die dramatischen großzügig detailarmen Landschaften William Turners im 2.Viertel des 19. Jahrhunderts während sich zeitgleich die Maler der Düsseldorfer Schule mit erstaunlicher Präzision jedem Grashalm zuwenden. Schließlich zerfallen im Impressionismus die glatten Flächen der braven bürgerlichen Malerei durch pastosen Einsatz der Farben und die Details gehen für lange Zeit den Bach hinunter. Dass jemand heute von Unschärfe als Gestaltungsmerkmal im Bereich Fotografie schwärmen kann, deutet auf mehrerlei hin:
1. Er kann es sich leisten. Für maximale Unschärfe bedarf es mindestens einer Kamera
mit Sensor in Kleinbildgröße und Objektiven mit ausgesprochen großen Blendenöffnungen. Diese beiden Dinge findet man nicht zum Schnäppchenpreis auf dem Grabbeltisch.
2. Er hat genügend Bildung erworben, dass er den Vorteil sieht, den er aus einer reduzierten Tiefenschärfe ziehen kann.
3. Er nutzt die reduzierte Schärfe als deutliches ästhetisches Merkmal, sich mit seinen Bildern einen exklusiven Platz außerhalb der geknipsten Fotomassen einzurichten.
4. Er liebt eine bedächtige Arbeitsweise, denn das Arbeiten mit einem extrem engen
Schärfenraum ist aufwendig und verlangt viele Entscheidungen.
5. Er beackert sein Feld das Tier-oder Sportfotografie heißt mit langen Brennweiten, die
durch ihre Abbildungscharakteristik einen eingebauten reduzierten Schärfebereich besitzen.
Punkt 1 ist conditio sine qua no
Wer heute bezüglich fotografischer Unschärfe voll in die Tasten schlagen möchte, muss nicht nur sehr,sehr,sehr viel (über)flüssiges Kleingeld in der Tasche haben, sondern auch
ausreichend Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen mitbringen, denn das erforderliche Handwerkszeug einschließlich Stativ (das erst ein erfolgreiches Arbeiten im Millimeterbereich ermöglicht) bringt einige Kilogramm auf die Waage und will getragen werden.
Mit einer Betrachtung alleine der Kameras und Objektive hinsichtlich obigen Themas ist es nicht getan.
Klarheits- und Schärferegler scheinen mir die liebsten Freunde der bildbearbeitenden
Homebrewer zu sein, wenn mich mein Eindruck nicht täuscht.
Viele Grüße
Herbert