Der Fluch der Schärfe?

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Ich glaube es war Edward Weston, der mal gemeint hat:" Wenn jemanden an einem Bild vor allem auffällt, dass es scharf ist, dann ist entweder das Bild schlecht oder der Betrachter hat ein Problem mit sich, dass er noch nicht gelöst hat." (Zitat aus dem Gedächtnis)

Nach meiner Erfahrung ist Schärfe als Kriterium deshalb so beliebt, weil das inzwischen selbst der Unbegabteste beurteilen kann. (Die Kategorie von Fotografen, die im Forum auch noch posten müssen "Ist das scharf", lasse ich mal ganz außen vor.) Aber so neu ist das auch nicht. Die digitale Technik macht es nur einfacher.

Gute Porträts werden nicht schlechter weil sie knackscharf sind. Z.B. das Bild von Steve McCurry von dem afghanischen Mädchen, ist gestochen scharf und gleichzeitig enorm intensiv vom Bildeindruck.
Bilder, die nicht ganz so scharf sind, und nicht ganz so brillant wie das o.a. Beispiel, können vielleicht noch etwas zusätzlich punkten weil sie durch die Unschärfe in ihrem Realitätsbezug etwas weniger definitiv und konkret sind und daher Platz lassen für Ergänzungen und Vervollständigungen, die der Phantasie des Betrachters entspringen. Die "Seele" die dadurch entsteht, mag dann aber auch viel mehr die Seele des Betrachters sein als die des Porträtierten. Vielleicht geht uns das auch deshalb dann so Nahe.
 
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Setz doch mal die Fotos rein, vielleicht hilft das.


So :

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Nicht toll, aber ehrlich - was sol´s ?
 
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Das ist schlimmer

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Die Schärfe ist nirgendwo - aber der Charakter - oder irgendwie ...
 
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..Sie ist unscharf, aber "lebt", er ist scharf und sitzt dort ... - das meinst Du nicht, aber ich bekomme die "Seele" von den "Leuten" selten so, wie ich empfinde.

Ja, verstehe ich. Wenn ich was vermuten darf, hattest du mehr "Beziehung" zu der Dame, die Herren am Tresen sind offensichtlich sehr mit ihren Gedanken beschäftigt.

Mehr "Seele" von den "Leuten" bekommt man auch oft, wenn sie in einer Interaktion zum Fotografierenden stehen. Das teilt sich dann auch dem Betrachter mit, da die Reaktion des fotografierten den Fotografen auf irgendeine Weise ebenfalls sichtbar macht.
 
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Menschen nehmen selektiv wahr, der Fotoapparat simultan. Das ist übelst vereinfacht
auf den Punkt gebracht. Erregt irgendetwas unsere Aufmerksamkeit, "scannen" wir die Situation ab, wobei wir schnell versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen. So hüpft unser Blick von Punkt zu Punkt, der durch ein besonderes Signal auf sich aufmerksam macht: Bewegung, ein Licht im Dunkel, ein roter Fleck, die Unordnung umgeben von Ordnung.....
Gleichzeitig befinden wir uns in einer Situation in der dreidimensionalen Umwelt, die uns mit anderen Sinneseindrücken zur selben Zeit beeinflusst: die umgebenden Geräusche, Gerüche, der Wind...
Das fotografische Abbild ist ein Objekt des Mangels. Ihm fehlt die Bewegung, dem SW-Bild die Farbe, die Lautkulisse und vieles mehr. Es läuft nicht weg. Es ist ein Objekt, das man ungestraft "fixieren" darf. Diesen fixierenden Blick auf ein menschliches Subjekt traut sich aus guten Gründen fast niemand in einer kommunikativen Situation zu. Deshalb wird in einer solchen Situation der Pickel an der Backe nur dann vom Gegenüber bemerkt, wenn er sich mächtig erkennbar zeigt. Auf dem Foto indes sieht man alles. Wie oft passiert es einem, dass man da auf einer Landschaftsaufnahme, die man bei bestem Licht in einer begeisternd schönen Umgebung gemacht hat, plötzlich eine Hochspannungsleitung im Hintergrund entdeckt oder dummerweise eine Zigarettenschachtel gerade dort, wo doch unverfälschte Natur unser Herz berührte.
Heute kann jeder fotografische Abbilder produzieren. Auf kleinen Chips lässt sich mit den kurzbrennweitigen Objektiven ohne besonderes Zutun eine Tiefenschärfe produzieren, für die Landschaftsfotografen früherer Zeiten alle Register an der Großformatkamera ziehen mussten. Verirrt sich nun ein Gesicht auf einen solchen Chip, zeigt das hierdurch produzierte Bild alles, was sich der reale Mensch bei seinem Gegenüber nicht zu "sehen" traute !!! (Nur in ganz wenigen Situationen gewähren wir anderen Menschen einen intensiven Blick auf unseren Körper, etwa dem Arzt, wenn wir meinen, bei uns stimme etwas nicht.)
So kommt es, dass eine D-sonstwas auf einem Portrait Dinge zur Geltung kommen lässt,
die ein Tri X vor 15 Jahren noch gnädig verschwieg. Dann beginnt in der Wahrnehmung
des Betrachters dort der feinste Damenbart ein Eigenleben zu entwickeln, wo in früheren Zeiten der Fotografie auf Film der Glanz der Augen alle Aufmerksamkeit auf sich zog.

Für die Freunde der digitalen Fotografie, die gerne auf dem Display ihr Bild komponieren,
gibt es einen Ersatz für das Knipen/Blinzeln des Zeichners oder Malers. Zuerst heißt das,
den Autofokus abschalten und den gewählten Bildausschnitt zu defokussieren. Beim unscharfen Bild offenbaren sich nun die Verteilung der hellen und dunklen Stellen im Bild
viel deutlicher in ihrem Verhältnis zueinander. durch schrittweises Fokussieren in Richtung Zielebene treten dann "Bildstörungen" wie die erwähnte Zigarettenschachtel am falschen Ort ins Bewusstsein.

Ich hatte heute Morgen bei ihrem Vortrag in Mannheim eine Begegnung mit der Grande Dame der Reportagefotografie, Barbara Klemm. Sie erläuterte anhand von projezierten Beispielen, wie sie zu den mittlerweile zu Ikonen der Geschichte gewordenen Bildern kam
(Breschnew im Gespräch mit Willy Brandt umgeben von Beratern, Heinrich Böll u.a. beim Protest in Mutlangen gegen die Raketenstationierung.....bis zu den Bildern vom Tag des Mauerfalls...) Barbara Klemm sprach über die Komposition der Bilder, die Bedeutung des Lichts, das Erfassen des richtigen Momentes, die Frechheit, die notwendig ist, um im entscheidenden Moment zu einem Bild zu kommen (und wenn man auf einen Laster klettern muss). Das Thema "Schärfe" kam im Prinzip 2 mal vor: Wenn es finster wurde,
brauchte sie mindestens 1/30s gegen Verwackelungen und dass sie "die Schärfe der Digitalen Fotografie" nicht mag, weshalb sie nach wie vor auf Film arbeitet.

So weit am Thema vorbei

Viele Grüße
Herbert
 
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Hat Unschärfe nicht auch etwas von Dynamik? Ein unscharfes Gebäude werden wir wahrscheinlich eher bemängeln als eine unscharfe Person. Und Dynamik fordert uns immer heraus, weil wir uns unbewusst fragen wohin sie führt. Das heisst, wir müssen auch unsere Emotion bemühen, um zu entscheiden, ob die Situation für uns positiv oder negativ ist. Mit anderen Worten, wir identifizieren uns und tauchen damit in die Szene ein.

Gruss
Bernd
 
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Ich war eben mal auf einen Sprung im "Street" Fotografie!-Dauerthread", zufälliger Weise auch von [MENTION=7400]Werner Gilliam[/MENTION] eröffnet.

Dort wird, meiner Meinung nach, das ganze Dilemma besonders deutlich. Knackscharfe Motive in Reihe, aber ohne Leben. Fotografiert mit technischer Brillianz, aber nicht gestaltet.

Soviel Helene Fischer, aber wo ist Joan Baez? ;)
 
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Daher sagen ja viele die mit einer Großformat Kamera gearbeitet haben , dadurch das man das Motiv auf der Mattscheibe auf dem Kopfstehend sieht, konzentriert man sich mehr auf die Bildgestaltung
charly

stimmt, fand ich aber auch dämlich und habe , wenn immer möglich, den ollen Spiegelkasten drangehängt. Grossbild fordert schon aus Bequemlichkeitsgründen möglichst genaues Vorarbeiten, d.h. Festlegung des Aufnahmestandpunktes, Wahl der Brennweite usw. Es sei denn man schleppt gern sinnlos zigkiloschweres Gelumpe durch die Gegend. Du musst dein "Bild" auch schon ohne Kamera gesehen haben, ansonsten "Blut, Schweiss und Tränen .....":hehe:
 
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ist wohl auch mehr bei Landschafts oder Sachfotografie interessant .
Hier gehts ja um Portraits und da ist Bildgestaltung und "etwas vom Geiste der Person" einzufangen,- nicht das Gleiche.
charly
 
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Ich möchte mich noch einmal einhängen ....

Die Schärfe ist, wie der Aspekt Kontrast oder Hell und Dunkel, letztlich "nur" ein Mittel zur Gestaltung des Produktes. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist in der Malerei so. Somit ist Schärfe weder gut noch schlecht sondern einfach etwas, mit dem man gestaltet.

Nun habe ich aber ja verstanden, dass es bei der Frage um die Wahrnehmung eines Motivs geht, völlig unabhängig davon, ob es ein Mensch, ein Tier oder eine Landschaft ist. Damit sprechen wir ja den Prozess vor dem eigentlichen Fotografieren ab, also den Prozess, bevor wir überhaupt überlegen, wie ich das Motiv im Rahmen gestalte werden.

Ludwig van Beethoven soll seinen Schülern gesagt haben, dass ein Fehlton nicht tragisch sei. Wenn man aber die Melodie als Ganzes nicht verstanden habe, nütze einem die Technik nichts. Damit hat er ja wohl genau auf das angespielt Werner, was ich verstanden habe was Du meinst.

Aber hier ist auch der Zugang des Menschen hinter der Kamera sehr individuell und hängt auch vom "Adressat" des Produkts (Bild) ab.

Ich kann es mir leisten solchen Fragen nach zu gehen. Professionelle Fotografen wohl eher nicht, weil sie das fotografieren müssen, was die Kunden wünschen oder was sonst irgend wie verlangt wird.

Die Schärfe ist, Kamera hin oder her und Technik hin oder her, ein Mittel zum Zweck. Aber es ist auch so, dass sich nicht jeder Mensch hinter der Kamera auf die gleiche Art und Weise mit dem Motiv auseinandersetzt. Und es müssig sich auf dieses "glitschige Terrain" zu begeben, was denn nun "echte Fotografie" sei und welche nicht.

Dass deine Bilder immer wieder berühren hat mit deiner Auseinandersetzung mit dem Motiv vor dem Abdrücken zu tun. Bei meiner Fotografie ebenfalls. Mich können aber die wunderschönen Bilder von Michael von seinen Bergwanderungen genau so faszinieren. Einfach anders...

In diesem Sinne: Euch einen tollen Tag.... :)
 
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Trends zu kritisieren ist nicht gleichzusetzen mit dem Verteufeln moderner Kameratechnik.

Lasst uns mal bei der ursprünglichen Intention des TE bleiben! ;)
Letztens lief mir ein Verkaufsvideo für ein neues Motorrad über den Weg. Wenn man den Zündschlüssel abzog, klappten die beiden Rückspiegel ein. Mal abgesehen davon, dass ich dies schon bei Autos ziemlich lächerlich finde, ist das bei Mopeds eigentlich nur noch ein Witz. Was ich damit sagen will? Wir leben in einer Zeit, in der das Machbare auf jeden Fall auch gemacht wird. Die Antwort auf die Frage, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, liefert also nicht die Industrie!

..So kommt es, dass eine D-sonstwas auf einem Portrait Dinge zur Geltung kommen lässt, die ein Tri X vor 15 Jahren noch gnädig verschwieg. Dann beginnt in der Wahrnehmung des Betrachters dort der feinste Damenbart ein Eigenleben zu entwickeln, wo in früheren Zeiten der Fotografie auf Film der Glanz der Augen alle Aufmerksamkeit auf sich zog..

Der Trend zu immer mehr Schärfe suggeriert, besonders dem Neueinsteiger, derselben eine Wichtigkeit und Bedeutung, die sie einfach nicht, oder zumindest sehr oft nicht hat. Damit einher geht etwas, dass ich hier mal ganz frech als Verblendung bezeichne. Abbildungsleistungen werden zum Verkaufs- und Kaufargument, während der Zauber einer gewissen, etwas nebulösen Darstellung bestimmter Motive, als mögliche Bereicherung für ein Foto, immer seltener in Erwägung gezogen wird.
Es war und ist nicht mein Anliegen, moderne Technik in irgendeiner Weise zu verteufeln, sondern vielmehr mal einen Denkanstoß zu geben, warum es wichtig ist, vom Ende her zu denken, also seine erforderliche, oder von mir aus auch geliebte Technik, nach Kriterien auszuwählen die berücksichtigen, was für Bilder denn am Ende herauskommen sollen.
 
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Als ich Ende der 80er in Spanien lebte, hatte ich eine Rollei 35. Die alte Version mit dem Tessar f/3.5. Da mir diese in Barcelona geklaut wurde, besorgte ich mir eine Neue, diesmal mit dem Sonnar f/2.8. Meine damalige Freundin, von Fotografie null Ahnung, aber eine begnadete Porträtmalerin mit unbestechlichem Blick fürs wesentliche, bemerkte nach ein paar Wochen, dass die Fotos aus der Neuen nicht mehr den gleichen Charme hätten wie die alten...! Ihre Worte: "Die hatten etwas besonderes"!
 
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