Lieber Stephan
Ich mache diese Rückmeldung bewusst öffentlich, weil ich denke, dass dein Buch sinnbildlich für weit mehr steht, als nur ein Buch mit einer netten Familiengeschichte und antiquierten Fotos.
Selbst an einem Buch - über meine Grossvater, welcher 16 Jahre lang im Belgisch Congo als Ingenieur gearbeitet hat - schaue ich dein Buch mit ganz anderen Augen an.
Vorab, müsste ich Sterne vergeben, dann würdest Du 6 von 5 möglichen Sternen erhalten. Ich begründe das auch, es wird ein langer Beitrag.
1. Layout, Gestaltung, Gesamteindruck
Es sei mir erlaubt zu sagen, dass die Fülle von Bildern, den Umfang des Buches die Tendenz haben, dass sie im Bücherregal landen. Irgendwo zwischen Fotobüchern, mit anderen Themen und Schwerpunkten. Das ist weniger ein Problem des Verfassers, sondern ein Problem vom Lesenden.
Das Buch kommt tonnenschwer daher mit unglaublich schön und ansprechend in der Hand, und schon nur das Blättern der einzelnen Seiten macht Freude, weil ich nie wusste, wohin mich die nächste Seite führt.
Du verpackst viele Themen in deinem Buch, ich würde es nicht mal als „Fotobuch“ bezeichnen. Es ist eine Geschichte die tief geht, so fern man bereit ist, dies zuzulassen. Die Fotos sprechen eine eigene Sprache und liessen mich zum Teil innehalten.
2. Familienhistorisch
Es ist ein Buch, eine Einladung, sich mit der eigenen Familie auseinander zu setzen. Deine Beschreibungen lassen Gedanken aber auch Fragen zu, das macht es spannend. Es ist - Familien historisch betrachtet - von unschätzbarem Wert, nicht nur für Dich selbst, sondern auch für die ganze Familie und die nächsten Generationen. Denn von Tag zu Tag verschwinden Erinnerungen, oder sind kaum mehr rekonstruierbar, vieles geht verloren, welches hilfreich wäre, aus der Geschichte zu lernen.
Wie dein Vater zu diesem „Job“ gekommen ist, die Entscheidung mit dem Auto nach Teheran zu fahren, finde ich der Hammer ….. !!!
3. Geopolitische Geschichte
Ich meine geschützt und wohlbehalten aufgewachsen zu sein. Die Entwicklung im Iran, überhaupt im Nahost habe ich in der geschützten Schweiz miterlebt. Deine historischen Informationen, zusammen mit den Bildern deiner Eltern und Dir, löst bei mir ein Beklemmen aus. Ich konnte das Buch nicht in einem Zug fertig betrachten, ich musste immer wieder inne halten.
Ein Historiker hat mir einmal gesagt, dass er äusserten Wert darauf lege, bevor er eine Geschichte veröffentlich, ob es noch Zeitzeugen gebe. Zeitzeugen als Bereicherung, wenn auch immer, wie überall, mit subjektiver Wahrnehmung. Dein Buch wir aus diesen Gründen nicht in meinem Büchergestell „hängen bleiben“. Das wird wohl, aus aktuellen Ereignissen, des öfteren in meiner Hand liegen.
4. Kulturhistorisch
Es ist eine Fundgrube von Informationen über all die Völker, welche deine Eltern fotografiert und mitunter ja auch dokumentiert hast. Ich habe längst nicht alles erfasst, geschweige dann verstanden. Dass Ihr an Orten und historischen Bauten ward, welche nicht mehr existieren, ist traurig. Dass Ihr in euere Familie aber Fotos, samt Erinnerung habe, ist ein Schatz, den Euch niemand mehr nehmen kann.
5. Ethnologie
Ich weiss nicht, ob Du Dir der ethnologischen Bedeutung deiner Ausführungen und Fotos bewusst bist, Da finden sich wohl unikate Fotos, Portraits und Szenen von Menschen, welche wohl schwer zu finden sind.
6. Fotografie
Es hat Fotos, welche für die Familie wichtig sind, toll, Erinnerungen. Und es hat Fotos, welche gross gedruckt werden müssten und eigentlich in eine Ausstellung gehörten. Dass deine Eltern ihr Handwerk verstanden, darüber gibt es nicht den kleinsten Zeifel.
7. Text
Ja, Perlen, diese Texte aus verschiedenster Optiken, fundiert und berührend. Stark in der Aussage.
Fazit
Das Buch packt, es packt auf vielen Ebenen und eigentlich habe ich mir gedacht, müsste da ein Verlag aufspringen. Es lädt ein zum Verweilen, nicht einfach nur zum Durchblättern. Fotografie, als Teil einer Geschichte, persönlich, unterlegt mit vielen Informationen und historisch hoch spannend.
Vielleicht sollten wir wieder dahingehen, wo sich Menschen unterschiedlichster (weltanschaulicher) Richtung, sich treffen und austauschen. Nur mit der Idee, voneinander zu lernen, wie dazumal in Bagdad.
Herzlichen Dank, Stephan. Dein Buch ist ein Erlebnis. Chapeau!!!!
Nähme mich wunder, was deinem Vater so durch den Kopf gegangen ist. Ich freue mich sehr auf das Buch.