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Das verstehe ich nicht ...

Nun, nehmen wir an, ich bin traurig und ich gehe an einer farbigen, wunderschönen Blume vorbei. Sie lädt mich förmlich ein, sie zu fotografieren. Gefühlsmässig bin ich in Trauer, werde vom Motiv aber konfrontiert mit Schönheit und Freude. Das bedeutet für mich, dass ich die Möglichkeit habe in meinem Gefühl der Trauer zu bleiben oder mein Gefühl von Trauer abzulegen. Ich habe also die Wahl. Ich kann dem Reiz von Aussen von Freude und Schönheit nachgehen, oder bei dem Gefühl bleiben, in dem ich drin bin. Die Wirkung des Bildes wäre aber, je nach dem wie ich dem Motiv begegne, unterschiedlich. Mein Gefühl bestimmt die Bildgestaltung und somit auch das Bild an sich.


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Nun, der dritte Tag war wettermässig schwierig einzuschätzen. Wenn die Wolken in den Nordtälern hangen, dann weiss man nie so genau, wann es wirklich aufhört. Der Morgen gehörte noch einmal dem Val di Prato, aber auf einem parallel zur Schotterstrasse gehenden Saumpfad.


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Und weiter im Selbstgespräch ...

Wenn ich das richtig verstehe, dann bist du der entscheidende Teil für ein gute Foto oder Bild...?

Es ist wie beim Kochen. Ich koche gerne und meine Familie meint auch, dass ich sehr gut koche. Je schlechteres Kochgeschirr ich zur Verfügung habe, desto mehr bin ich mit mir selbst und meiner Kreativität konfrontiert. Zu Hause bin ich so eingerichtet, dass ich technisch alles vorfinde, um mir ein gutes Menu zu kochen. Nun, was passiert mit mir, wenn ich das nicht mehr habe? Wir sind hier in einer Ferienwohnung. Ich habe nicht das zum Kochen, was ich mir gewohnt bin. Und trotzdem mache ich aus dem das Beste. Könnte ich aber ohnehin nicht kochen, dann würde ich mit dem Vorhaben ein gutes Menu zu machen, komplett überfordert sein.
Es gibt also, um wiederum zurück zur Fotografie zu gehen, kein schlechtes Equipment, kein schlechtes Licht, keine schlechten Verhältnisse sondern nur die Fähigkeit oder Unfähigkeit, mit dem umzugehen. Diese Aussage mag hart daher kommen. Aber in all den Jahren habe ich das so empfunden. Die Blume bleibt die Blume, sie ändert sich nicht. Der entscheidende Faktor bin ich, egal mit welcher Optik und welcher Kamera.



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Das tönt nach dem vollkommenen Fotografen ...

Und genau das bin ich nicht. Wie oft gerate ich noch heute in Zustände, welche es mir nicht erlauben zu fotografieren. Ich kann Bäche weinen mit einem Motiv, ich kann lachen mit einem Motiv, aber ich kriege kein Foto hin.
Ich mag für mich weder den Begriff Fotograf noch den Begriff Künstler. Bei beiden setze ich ein Studium voraus, eine Ausbildung. Ich habe das nicht. Im besten Falle habe ich eine Begabung mich mit der Aussenwelt auseinander zu setzen. Und ich habe gelernt mit einer Kamera umzugehen, wenn auch im beschränkten Masse. Ich nutzte vermutlich keine zehn Prozent vom Potential meiner D4. Hätte ich mir die Zeit genommen alle meine Eindrücke zu malen, dann hätte ich nie mit Fotografie begonnen. Das ist alles. Anders gesprochen, eine gute Pfanne macht noch lange keinen guten Koch und schon gar nicht ein gutes Menu.


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Was ich bis anhin verstanden habe ist, dass dein Innen dein Aussen ist. Deine Fotografie lebt ausschliesslich von Dir und nicht vom Motiv an sich. Auf einen Punkt gebracht heisst das also, dass du dich ausschliesslich der Frage stellst, was macht das Motiv mit mir als umgekehrt. Ein gutes Bild oder Foto ist also nicht von der Technik abhängig sondern ausschliesslich vom Menschen hinter der Kamera...?

Ja, es ist wie in der Musik. Der Ursprung der Musik ist immer noch die menschliche Stimme. Aber ganz genau genommen wären es die Geräusche der Tiere. Eine menschliche Stimme kann mich noch heute zu tiefst rühren. Kein Instrument. Nur Stimmen. Und die Musik wirkt dermassen innig, wie sie vielleicht kein Instrument je erreichen kann. Und doch kommt auch ein Instrument der Stimme nahe, wenn ich spüre, dass hinter dem Instrument ein Mensch ist.
Klar hilft mir die Technik vieles zu vereinfachen. Eine Kamera kann mir helfen das festzuhalten, was ich meine gesehen oder wahrgenommen zu haben. Ich habe nun auch Kameras, welche mir die Möglichkeit geben bei eingeschränkten Lichtverhältnissen Bilder zu machen. Es ist also keineswegs ein Statment gegen die Technik. Im Gegenteil. Beethoven hat es so formuliert, dass die eine oder andere Note falsch gespielt nicht entscheidend ist. Entscheidend ist, dass man das gesamte musikalische Werk in seiner Intension und Bedeutung verstanden hat. Erst dann kann es so wiedergegeben werden, dass es wirkt. Aber ich delegiere meine Fähigkeit beziehungsweise meine Unfähigkeit mich dem Prozess zu stellen, nicht der fehlbaren oder mangelhaften Technik. An der Tatsache, dass ich letztlich das Foto oder das Bild mache, hat sich trotz Technik bis heute nichts geändert. Mein Prozess ist nicht abhängig von der Entwicklung der Technik, sondern von mir selbst. Und meinen Dialog zwischen mir und dem Motiv wird keine Technik je übernehmen können. Der Ausdruck meines Prozesses mit meinem Innen und meinem Aussen ist nun die Fotografie. Sie könnte auch die Malerei sein, oder Gesang oder ein Instrument.


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Aber jetzt nochmals: was ist für dich der Unterschied zu den Begriffen Bild und Foto?

Ein Foto ist für mich ein Festhalten von etwas, dass ich sehe, ohne in einen intensiven Austausch mit dem Motiv zu gehen. So zu sagen ein Abbild von einem Eindruck. Ein Bild ist komponiert, ist das Resultat von einem Dialog zwischen mir und dem Motiv. Ich komponiere also sozusagen einen Moment des Austausches zwischen meinem Innen und dem Aussen. Das heisst zwar noch lange nicht, dass das Bild dann auch seine Wirkung erzielt. Wenn ja, ist es mir gelungen, wenn nicht, habe ich etwas falsch gemacht, technisch oder in der Interpretation, beziehungsweise dem Wiedergeben dieses Prozesses.
Oder nehmen wir die Nordtäler hier im Tessin. Wir verbringen nun gemeinsam ein paar Tag im Lavizzarotal. Die Natur hat sich „gnädig“ gezeigt und dem Tal, respektive den Menschen, wenigstens teilweise breites und fruchtbares Kulturland offeriert. Der permanenten technischen Weiterentwicklung, den interessierten Märkten war es zu verdanken, dass die Menschen hier über lange Zeit wirtschaftlich einigermassen zufrieden und in Würde leben konnten. Aber die Technik hat die Natur nicht beeinflusst. Das Tal hat noch genau so viel Grünfläche wie vor tausend Jahren, vielleicht ein paar Quadratmeter mehr oder weniger. Auf Steinen wächst keine Wiese, das alles hat die Technik nicht verändert. Die Abwanderung in den letzten Jahrzehnten hier war enorm. Das hat der Markt entschieden. Die Maiensäss und die Alpwirtschaft wurden grösstenteils aufgegeben. Die wenigen Menschen welche noch in diesem Tal leben gehen nach Locarno oder noch weiter weg zur Arbeit. Der Tourismus kann nicht endlos ausgebaut nehmen.


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Und zum Schluss von Tag drei noch ein paar Gesprächsausschnitte..

Auch die Menschen nutzten und nutzen die Technik hier...

Um es wiederum fotografisch zu beschreiben. Auch eine Nikon D mit welcher Nummer auch immer, wird meinem Prozess zwischen mir und dem Motiv etwas schenken. Nichts, aber auch gar nichts. Sie kann mir im besten Falle die Möglichkeiten erweitern, nicht mehr aber auch nicht weniger. Oder auf die Menschen in den Tälern hier. Ja, die Technik hilft, die Einschätzung aber wo und wie ich sie einschätze geschieht vom Menschen aus.

Als ich das Nikkor 800mm, MF, F 5.6 gekauft habe, habe ich mich ernsthaft gefragt, für was ich das dann brauche. So kurzum ein paar tausend Franken hinzublättern für etwas, dass ich nur hie und da brauchen könnte, war das schon viel Geld; und letztlich – aus Distanz gesehen – unverhältnismässig. Ich wusste schon beim Kauf, dass sich die Investition nicht rechnen würde. Aber der Drang nach einer Erweiterung meiner Wahrnehmung war grösser als die Vernunft. Ich wollte einmal Tierfotograf werden, durch die Wälder und Dschungels der Erde wandern und Seltenes und Magisches zu fotografieren. Aber das Leben hat anders entschieden und ich dazu auch Ja gesagt. Dennoch. Auch das 800mm ersetzt keinen Prozess mit meinem Aussen. Aber ich liebe es, gerade einmal mehr hier im Tessin.


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Und weiter geht es dann nach diesem Bild mit Tag 4 ...

Es gibt immer wieder Menschen, welche versuchen, etwas so realistisch wie möglich abzubilden. Was meinst Du dazu?

Nun, es gibt für mich verschiedene Herangehensweisen an das Aussen. Das ist ja das Schöne an der darstellenden Kunst, sei es bei der Malerei, der Fotografie oder der bildenden Kunst. Ich bin für meine Fotografie und für mein Leben der Meinung, dass ich der Realität im besten Falle nahe kommen kann. Weder ich noch meine Fotografie ist real, noch objektiv noch entspricht sie irgend einer Wahrheit. Mein Leben hat mich etwas anderes gelernt. Ich liebe die Vielseitigkeit in der Fotografie, die Qualität eines Bild lebt aber nicht davon, wie weit es „der Realität“ entspricht. Schon nur die Tatsache, dass unser menschliches Auge nie das wahrnehmen kann, was uns von Aussen reflektiert wird, lässt keinen Realitätsanspruch zu. Mozart hat einmal gesagt, dass er permanent auf der Suche nach Tönen sei, welche sich verstehen. Nun, da braucht es ja noch derjenige, welche sie dann noch zusammen fügt und sie wirken lässt.


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Da wir zwei Hunde haben müssen sie auch raus. Und uns macht kein Wetter grossen Eindruck. Wir passen uns an.

Wir nahmen den Höhenweg talaufwärts und es war - besonders bei diesem Wetter sehr mystisch. Zumal man bei diesem Wetter und dieser Jahreszeit ohnehin so ziemlich alleine ist ...


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Wir blieben immer wieder stehen, gerade vor Motiven wie jenem mit dem Kreuz. Gerade solche Situationen führt einem das Leben, aber auch das Sterben in diesen Tälern nahe.

Man ist, ob man es will oder nicht, mehr der Natur als dem Herrgott ausgesetzt. Oder eben beiden gleich intensiv.

Und doch fanden wir auch hier wieder unsere Zwerge und Feen und alle anderen unsichtbaren Wesen. Was der der Steinschlag veränderte, holt sich die Natur Schritt für Schritt wieder zurück ...


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Und so gibt es denn auch Legenden, wie in jedem Dorf, in jedem Tal. Überall wo Menschen sind. Und je einsamer man lebt oder je abgeschiedener oder schwieriger die Lebensbedingungen sind, umso pointierter kommen sie daher.

Wie diese Geschichte des "Teufelssteins", welcher zwischen Prato und Broglio an der Strasse steht.

Und so geht sie:

"Der Teufel war erbost über die Frömmigkeit der Menschen in Broglio, bezw. Prato. Also beschloss er, einen grossen Stein auf das Menschen zu werfen um sie zu töten. Er suchte sich einen ganz grossen Stein aus und schleppte in die Berge hinunter. Und als er unten ankam war er sehr, sehr erschöpft.
Da sah er eine junge, hübsche Frau unter einem blühenden Baum stehen. Sie sah den Teufel und lud ihn ein, sich etwas auszuruhen. Er setzte den Stein ab und als er sich umdrehte, war die Frau weg. Man sagt, dass die Frau die Mutter Gottes gewesen sei. Der Teufel war sehr erbost über die Frau, welche ihm riet den Stein abzusetzen. Er versuchte mit letzter Kraft den Stein noch einmal zu heben. Aber es gelang ihm nicht. Elend erschöpft musste er das Unternehmen abbrechen und zog sich beschämt zurück in die Hölle."


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