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Nachdem wir uns im ersten Teil der Serie das große, kapitelübergreifende Kunst-Schwergewicht in der Hamburger Kunsthalle angeschaut haben, stelle ich euch heute mit „Bilderechos aus Peru“ gleich das nächste Highlight der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 vor.


Historische Schwarz-Weiß-Fotografie von Hans Heinrich Brüning aus dem Jahr 1896, die Domitila mit bemaltem Gesicht während eines Karnevals zeigt.
Bild: Domitila mit bemaltem Gesicht beim Karneval. Fotograf: Hans Heinrich Brüning, Laredo, Nordperu, 1896, MARKK Inv. Nr. 17.421 © MARKK

Die Ausstellung öffnet am 6. Juni 2026 um 16 Uhr im MARKK (Museum am Rothenbaum) ihre Tore. Bis zum 27. Juni 2027 erwartet dich dort ein sehr tiefgründiges, kollaboratives Projekt. Es stellt eine der zentralen Fragen heutiger Fotografie-Debatten: Wem gehören historische Bilder – und wer bestimmt, was sie erzählen?

Das Archiv von Hans Heinrich Brüning: Machtgefälle im Fokus​

Der Kern der Ausstellung basiert auf dem umfangreichen Nachlass des deutschen Ingenieurs und autodidaktischen Forschers Hans Heinrich Brüning (1848–1928). Er verbrachte 50 Jahre in der nordperuanischen Region Lambayeque und dokumentierte als einer der Ersten mit seiner Kamera das dortige Alltagsleben.

Beim Betrachten der Pressematerialien fällt mir auf, wie ambivalent die dokumentarische und handwerkliche Perspektive hier ist. Brüning hatte als Europäer eine privilegierte Stellung inne; seine Aufnahmen sind unweigerlich von historischen Machtstrukturen geprägt. Was mich jedoch fasziniert, ist die Dynamik in den Bildern selbst: Viele der Porträtierten blicken mit einer solchen Skepsis, Neugier oder Selbstverständlichkeit zurück in die Kamera, dass sie trotz des Machtgefälles ihre ganz eigene visuelle Präsenz behaupten.

Darüber hinaus holt das MARKK Facetten aus dem Archiv ans Licht, die bislang kaum Beachtung fanden: Erstmals werden Brünings Dokumente von Menschen afrikanischer Herkunft im Umfeld großer Zuckerrohrplantagen gezeigt.

Die Antwort der Gegenwart: Fotokeramik und Stickerei​

Wichtig und richtig finde ich den Ansatz, dass Brünings historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen nicht einfach nur als statische Dokumente an der Wand hängen. Zeitgenössische Künstler:innen aus Nordperu haben sich das Material neu angeeignet und in einen Dialog mit der Gegenwart überführt. Um den Artikel übersichtlich zu halten, habe ich zwei Arbeiten ausgewählt, die diesen kreativen Prozess für mich besonders eindrucksvoll veranschaulichen:
  • Enzo Miguel Matute (Fotokeramik): Matute verbindet Brünings Porträtfotografien über den historischen Gummi-Bichromat-Druck direkt mit gebrannter Keramik. Seine Arbeiten treten in Dialog mit vorkolonialen Gefäßen und parodieren als „archäologische Fiktionen“ die oft problemlose Aneignung historischer Funde.

Eine orangefarbene Keramikvase mit einem Henkel, auf deren Vorderseite ein historisches Porträtfoto mittels Gummi-Bichromat-Druck aufgebracht ist.
Bild: Fotokeramik mit Porträt von Mercedes Niquen (1907), Enzo Miguel Matute, Foto: Hans Heinrich Brüning, Cascas, Peru, 2026. Gummi-Bichromat-Druck auf Keramik, MARKK Inv. Nr. 2026.16:1. MARKK, Foto: Paul Schimweg
  • Marystela Camacho (Gestickte Interventionen): Camacho bricht die harten, historischen Dokumente auf eine sehr poetische Weise auf. Sie überstickt und aquarelliert Abzüge von Brünings Fotografien auf edlem Photo Rag-Papier mit Polyester- und Naturbaumwollgarnen, oft ergänzt durch getrocknete Pflanzenteile. Mein spontaner erster Gedanke war: sie webt den abgebildeten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes eine neue, lebendige Ebene ihrer Identität zurück.

Stickerei und Mischtechnik auf Papier: Ein historisches Foto betender Menschen in einer Kirche, kunstvoll überarbeitet mit farbigen Fäden, Perlen und Elementen.
Bild: Stickerei auf dem Foto „Kreuzfest von Motupe“ (1907) von H. H. Brüning. Marystela Camacho, Aquarell, Perlen, Strasssteine, getrocknete Wildblumen, Polyestergarn und Schmuckkordeln auf Hahnemühle Photo Rag-Papier, 2026, MARKK Inv. Nr. 2026.14:1. MARKK, Foto: Paul Schimweg

Mein Fazit​

Mich hat diese Vorschau auf die Ausstellung nachdenklich gemacht. Sie zeigt mir, dass ein Foto niemals ein abgeschlossenes, totes Endprodukt sein muss. Gerade durch die Zirkulation im digitalen Zeitalter – sei es durch neue Kontextualisierungen oder eben solche musealen Kooperationen – können aus alten Dokumenten lebendige Werkzeuge der Selbstbestimmung werden. Ich kann jedem, der im Sommer seine Triennale-Tour plant, nur empfehlen, das MARKK am Rothenbaum mit auf die Route zu nehmen.

Alle Infos zu Tickets, Anfahrt und dem begleitenden Veranstaltungsprogramm findest du direkt auf der Website des Museums:

👉Museum am Rothenbaum (MARKK) – Ausstellungsdetails

Alle Artikel zur Triennale der Photographie Hamburg 2026 auf einen Blick gibt es hier - ich freue mich dort auch auf euer Feedback!
 
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