Counterculture ist ein schwieriger Begriff. Wörtlich übersetzt bedeutet er Gegenkultur – also Ideen, Lebensentwürfe und künstlerische Positionen, die sich bewusst gegen gesellschaftliche Normen, politische Machtstrukturen oder dominante Weltbilder stellen.
Die Ausstellung „Inner Mornings, or Forms of Counterculture“ in der Sammlung Falckenberg versucht nicht, diesen Begriff abschließend zu definieren. Vielmehr erzählt sie anhand von rund 170 Werken eine Geschichte der Gegenkultur – von den frühen fotografischen Selbstinszenierungen Claude Cahuns bis zu zeitgenössischen Formen des künstlerischen Widerspruchs.

Bild: Adrian Paci, Centro di permanenza temporanea, 2007. Collection FRAC des Pays de la Loire © Adrian Paci, courtesy Galleria Francesca Kaufmann.
„Inner Mornings“ zeigt, wie unterschiedlich Gegenkultur aussehen kann: Manche Arbeiten reagieren direkt auf politische Konflikte. Andere hinterfragen Rollenbilder, Medienmechanismen oder gesellschaftliche Gewissheiten.
Für mich bringt das Startbild dieses Artikels vieles davon auf den Punkt. Eine Gruppe von Menschen steht auf einer Flugzeugtreppe. Sie wirken bereit zum Aufbruch. Doch das Flugzeug fehlt. Die Treppe führt ins Leere. Adrian Pacis Arbeit verdichtet Themen wie Migration, Hoffnung, Stillstand und politische Realität zu einem Bild, das bei mir lange nachwirkte. Es ist zugleich dokumentarisch und symbolisch – und damit ein guter Einstieg in eine Ausstellung, die sich immer wieder mit gesellschaftlichen Gewissheiten und ihren Brüchen beschäftigt.
Claude Cahun: Der Ausgangspunkt der Ausstellung
Der gedankliche Ausgangspunkt von „Inner Mornings“ liegt jedoch deutlich weiter zurück. Inspiriert ist die Ausstellung vom Leben und Werk der surrealistischen Fotografin, Autorin und Widerstandskämpferin Claude Cahun (1894–1954).Gemeinsam mit ihrer Lebens- und Kunstpartnerin Marcel Moore entwickelte Cahun bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren fotografische Selbstinszenierungen, die starre Vorstellungen von Geschlecht, Identität und gesellschaftlichen Rollen hinterfragten. Während der deutschen Besatzung Jerseys beteiligten sich beide aktiv am Widerstand gegen das NS-Regime. Ihre Arbeit verbindet damit künstlerische Experimentierfreude und politischen Widerspruch auf eine Weise, die auf mich erstaunlich modern wirkt.
Von hier aus verfolgt „Inner Mornings“ die Idee der Gegenkultur durch verschiedene Jahrzehnte bis in die Gegenwart. Auch der Ausstellungstitel verweist auf diese Tradition des Widerspruchs. „Inner Mornings“ bezieht sich auf das Gedicht „The Inward Morning“ des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau. Als Vordenker des zivilen Ungehorsams beeinflusste Thoreau zahlreiche Gegenkulturbewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung schlägt damit nach meinem Verständnis eine Brücke zwischen individueller Selbstbestimmung, politischem Widerstand und zeitgenössischer Kunst.
Gegenkultur hat viele Gesichter
Was mir beim Durcharbeiten der Materialien besonders aufgefallen ist: Die Ausstellung liefert keine Definition von Counterculture. Stattdessen zeigt sie sehr unterschiedliche Strategien.Manche Arbeiten sind unmittelbar politisch. Andere arbeiten mit Ironie, Übertreibung oder bewusster Irritation. Wieder andere hinterfragen die Mechanismen von Medien, Werbung oder gesellschaftlichen Rollenbildern.
Ein gutes Beispiel dafür ist Halil Altınderes Arbeit „Ballerinas and Police“.

Bild: Halil Altındere, Ballerinas and Police, 2017. Collection FRAC des Pays de la Loire © Halil Altındere.
Unter einem riesigen „RESIST“-Banner treffen die Disziplin und Eleganz des klassischen Balletts auf die Symbolik von Protest und staatlicher Ordnung. Die Arbeit wirkt zugleich humorvoll, provokant und politisch. Genau diese Mehrdeutigkeit scheint ein zentrales Merkmal der Ausstellung zu sein.
Einen völlig anderen Zugang wählt Olaf Breuning.

Bild: Olaf Breuning. Courtesy von Bartha, Basel/Copenhagen. Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg. Foto: Egbert Haneke.
Seine Arbeiten wirken auf den ersten Blick gleichzeitig humorvoll und absurd. Doch hinter dem Humor verbirgt sich für mich die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ritualen, Rollenbildern und Konventionen. Die Gegenkultur tritt hier nicht als offener Protest auf, sondern als bewusste Störung des Gewohnten.
Mein Fazit
Mit rund 170 Werken von mehr als 80 Künstler:innen dürfte „Inner Mornings, or Forms of Counterculture“ zu den anspruchsvollsten Stationen der diesjährigen Triennale gehören. Wer hier nach einer linearen Erzählung sucht, wird vermutlich scheitern. Die Ausstellung funktioniert eher wie ein Netz aus Ideen, Haltungen und künstlerischen Strategien.Gerade das macht sie in meinen Augen so spannend. Statt Gegenkultur als historischen Sonderfall zu behandeln, stellt die Schau die Frage, welche Formen gesellschaftlicher Widerspruch annehmen kann. Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus – mal poetisch, mal politisch, mal humorvoll und manchmal bewusst unbequem.
Für mich ist „Inner Mornings“ deshalb weniger eine Ausstellung über Protest als eine Ausstellung darüber, wie Kunst unsere Wahrnehmung verändern kann. Und das ist vielleicht die nachhaltigste Form von Gegenkultur überhaupt.
Da die Sammlung Falckenberg regulär nur sonntags von 12 bis 17 Uhr oder im Rahmen von speziellen Führungen zugänglich ist, solltet ihr euren Besuch unbedingt im Voraus planen. Alle praktischen Infos zum Ticketkauf und dem Begleitprogramm findet ihr direkt auf der Webseite der Deichtorhallen:
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