Sonntag, 22.7.2018 (13. Tag)
Lac d´Arrious -> Campo Plano jenseits der Ref. Respomuso
~ 11,5 km /950 \1050
8,5 Std. unterwegs mit reichlich Stillstand
Während meines Frühstücks habe ich eine herrliche Aussicht!
Es ist allerdings noch lausig kalt.
Um 8:30 mache ich mich auf den Weg. Sehr gespannt!
Denn gleich an dem großen Bergzapfen da vorne beginnt die berüchtigte
Passage d´Orteig.
Eine durch Drahtseile gesicherte Passage mitten durch eine steile Felswand.
Ich habe im Vorfeld einiges darüber gelesen, von haarsträubend bis halbsowild.
Jetzt bin ich also neugierig, was mich da erwartet.
Schön, dass die Sonne langsam in die Wand scheint, denn oft ist es nass gleich deutlich anspruchsvoller als trocken - und sonnig sieht es auch nicht so gefährlich aus.
Ich habe noch einen schönen Rückblick auf meinen See und dann stehe ich am Einstieg.
Mein erster Eindruck: Ameisenstraße.
Denn entgegen kommen mir nacheinander mindestens 2 größere Gruppen und ein paar Paare, die wohl alle gleichzeitig in der Ref. Arremoulit auf der anderen Seite aufgebrochen sein müssen.
Die Passage sieht für mich jetzt aber eher nach Spaß aus als nach Herzrasen.
(Zur Not könnte man diese Stelle umgehen, man müsste aber ein paar hundert Meter zu einem See absteigen und jenseits wieder aufsteigen - eine harmlose Alternative für Leute mit Höhenangst.)
Eine Gruppe ist jedoch behelfsmäßig gesichert: Eine Bandschlinge um den Bauch, daran angebracht eine zweite Bandschlinge mit 2 Karabinern, um sich damit in das Sicherungsseil einzuhängen. Ein improvisiertes Klettersteigset also. Hauptsächlich wahrscheinlich für die Psyche, aber es verhindert natürlich auch den Totalabsturz.
Auf diese Art brauchen die ungeübten Leute allerdings enorm viel Zeit, sich mit 100 mal ein- und aushängen über den vielleicht 100m langen Abschnitt zu bewegen.
Da es dort kaum Ausweichmöglichkeiten gibt, warte ich einfach am Einstieg, bis der Letzte von ihnen hier angekommen ist. Sicher eine halbe Stunde.
Was solls, der Tag ist schön, die Sonne scheint, die Aussicht ist prima.
Aussicht auf den See mit dem Umgehungsweg
Rückblick von der anderen Seite
Als der Letzte bei mir angekommen ist, steige ich also los.
Mir macht es wirklich Spaß, könnte gerne auch länger sein, ich finde es nicht schwierig, aber Höhenangst sollte man besser nicht haben, denn schön steil runter geht es schon.
Auf der anderen Seite ist es nicht weit bis zur Refuge Arremoulit.
Nun kommen die beiden Pässe, deretwegen diese Etappe die erste im Guide von Ton Joosten ist, die mit einem E für Extrem anstrengend/schwierig bewertet ist.
Sieht noch etwas winterlich aus am See vor der Hütte.
Ich hatte von anderen Wanderern schon gehört, dass es im vergangenen Frühling noch sehr spät sehr viel geschneit hat. Und dass die Verhältnisse jetzt im Juli eher denen im durchschnittlichen späten Mai ähneln.
Ich frage in der Refuge (2250m) nach den Verhältnissen an den Pässen.
Sehr viel Schnee, sehr steil, ob ich Steigeisen und Pickel habe.
Naja, ich habe Microspikes und Trekkingstöcke ...
Ich solle seeehr vorsichtig sein.
Einige Leute wären wieder umgedreht und zurück gekommen.
Ah. Hm.
Ich mache mich auf den Weg zum ersten, noch harmlosen Pass, Col du Palas (2500m).
Rückblick auf den See.
Schon kurz nach Verlassen des Sees und der Hütte sehe ich jedoch vor mir nur noch Schnee. Ein riesiges Schneefeld zieht sich hoch bis zum Pass. Das ist so nicht vorgesehen. Der im Guide beschriebene Weg ist hier natürlich nicht mehr zu sehen. Es soll durch ein langes Geröllfeld gehen. Da ist Schnee nicht unbedingt die schlechtere Alternative. Per GPS finde ich die Route, wo es etwa entlang gehen müsste. Durch den immer steiler werdenden Schnee muss ich mir natürlich meinen Weg selbst bahnen. Ich habe hier nicht so besonders viel Erfahrung, denke aber, ich kann erkennen, wo der Schnee nicht gut aussieht, evtl. ein Bach drunter entlang fließt. Der Schnee ist ziemlich soft, selbst mit den angelegten Spikes sinke ich ein und die Zacken haben wenig Griff, rutschen sogar durch den weichen Schnee weg. Der Schnee stollt heftig unter den Spikes. Bald jedoch habe ich die beste Art der Fortbewegung heraus und komme ganz gut hoch. Mich wundert, dass vor mir hier niemand Spuren hinterlassen hat. Meine ist die Einzige.
So gelange ich am Ende ohne ernsthafte Schwierigkeiten zum Pass. Als ich zurück blicke, denke ich mir, ein Abstieg in dem hier oben doch recht steilen Gelände in dem weichen, rutschigen Schnee wäre weniger lustig.
Nach den ersten 100 Hm.
Genau das würde mich jedoch beim Abstieg vom 2. Pass, der Port de Lavedan (2600m), zu der ich von hier hinüber queren soll, erwarten. Bis hier herauf sollte laut Guide eigentlich noch gar kein Schnee liegen und es sollte nicht allzu steil sein. Die Crux käme erst hinter dem nächsten Pass, wo es sehr steil hinunter ginge und wo oft noch Schneefelder lägen.
Vollbremsung. Wenn das hier schon so aussieht, dann will ich das da drüben gar nicht sehen, geschweige denn runter müssen.
Meine Microspikes sind halt doch keine Steigeisen, meine Trekkingstöcke keine Pickel.
Was jetzt?
Ich sitze lange oben am Pass und überlege meine Möglichkeiten. Soll ich es versuchen? Soll ich meine Route ändern? Deshalb ist hier im Schnee wohl noch keine Spur - es geht da halt niemand lang zur Zeit ...
Ich konsultiere meine Karten. Jetzt bin ich froh, doch auch die 1:100.000 Übersichtskarte mitgenommen zu haben, auf der dennoch ziemlich alle Wege abgebildet sind, zumindest die für mich relevanten.
Schließlich entscheide ich mich schweren Herzens dafür, nicht zur Port de Lavedan zu queren und dort den Abstieg zu versuchen, sondern von hier ein paar hundert Meter durch grobes Blockgelände irgendwie abzusteigen, um dann an einen See zu gelangen, an dessen fernem Ufer ich auf eine Variante der HRP treffe und schließlich auf den GR11, der, ähnlich wie der GR10, auf spanischer Seite von Meer zu Meer führt.
Dabei soll es über den Col de la Fache gehen, der als problemlos beschrieben wird, obwohl auch er 2600m hoch ist.
Schon fast unten am Embalse d´Arriel Alto
Da oben links komme ich her.
Wo der Schnee gerade weggetaut ist, wachsen arktische Blümchen.
Durch wilde, wunderschöne Landschaft suche ich mir den Weg zum Weg.
Hier ist der GR11 toll ausgebaut, aber das Schneefeld gibt ihn gerade erst frei.
Landschaftlich ist es wunderschön hier!
Schließlich erreiche ich die Respomuso-Hütte.
Ich versuche mich nach den Verhältnissen am Col de la Fache zu erkundigen. Es ist schon erstaunlich, dass hier auf diesen doch international besuchten Berghütten kein Englisch gesprochen wird. Mein Spanisch geht gegen Null. Und wieder merke ich sofort, dass ich in Spanien bin, denn im Gegensatz zu den französischen Hütten werde ich hier wieder ziemlich unfreundlich empfangen, fühle mich lästig und nicht willkommen. Keine Ahnung, ob ich was falsch mache.

Dennoch erfahre ich, dass die Verhältnisse am Col de la Fache sehr winterlich seien und ohne Hochtouren-Ausrüstung dort nichts zu machen sei.
Ebenso am Col de Combales, an dem ich wieder auf meine Hauptroute käme.

Mist, hier auch! Und jetzt!?
Jetzt geht es gerade los, so richtig mit Gebirge, und ich komme nicht weiter.
Tour abbrechen, es im nächsten Jahr von hier aus erneut versuchen.
Statt dessen irgendwo auf halber Höhe niederlassen und dort Tagestouren unternehmen.
Oder vielleicht statt dessen auf den GR10 ausweichen und auf dem Weg weiter das Ziel Mittelmeer ansteuern?
Ich bin mächtig frustriert, meine Moral ist im Keller, ich hatte mich so auf diesen Teil gefreut, und jetzt stecke ich in einer Sackgasse.
Ich laufe noch ein Stückchen weiter in eine große Ebene, durch die ein paar Bäche mäandern, Campo Plano passend genannt. Hier will ich meine Situation und meine Möglichkeiten erst einmal überschlafen.
Auf dem Weg dorthin kommen mir einige Wanderer entgegen, es ist Wochenende. Sie waren am Col oder gar auf dem nahen Gipfel. Ich frage alle nach den Verhältnissen. Alle sind mit Steigeisen und Pickel, Seil und Helm unterwegs. Alle raten dringend davon ab, die Strecke ohne entsprechende Ausrüstung zu machen. So vielen Stimmen glaube ich dann doch noch mehr als einem Hüttenwirt, der vielleicht auch nur auf der sicheren Seite bleiben will mir seinen Empfehlungen.
Blick vom Zelt auf dem Campo Plano Richtung Col de la Fache. Es ginge links in das Tal mit dem Schnee rein.
Campo Plano. Schön ist es hier, aber ich kann es nicht genießen.
Trotz Murmeltier und Gämsen (hier Isard) rundherum bin ich ziemlich unglücklich. Hätte ich nicht doch versuchen sollen ...?
Die erste Schwierigkeit, und ich kneife. Das mag mein Ego gar nicht!
Meine Vernunft dagegen ist überzeugt, dass die Entscheidung richtig war. Und ich sitze dazwischen.
Ich breite meine Übersichtskarte aus und vergleiche mit der OSM im Navi.
In wenigen Tagen bin ich mit einem Freund in Gavarnie auf der französischen Seite verabredet. Gerade hier ist ein wirklich einfacher, niedriger Pass nach Frankreich hinüber. Ich beschließe, erst einmal auf die französische Seite zu wechseln, weil es hier geht.
Dann bis zum GR10 hinunter zu steigen und dem bis Gavarnie zu folgen.
Und dann mal sehen, wie es weitergeht.