Hi,
ich weiß nicht, warum bei Fragen zur Konzertfotografie immer als allererstes ein Objektiv mit einer großen Anfangsblende empfohlen wird. Meiner (inzwischen langjährigen) Erfahrung in diesem Bereich, sind Blenden um die 4 bis 5,6 diejenigen Blenden, die zu 90% zum Einsatz kommen. Größere Blenden sind in manchen Situationen hilfreich, aber um das Genre zu erlernen sind sie nicht zwingend erforderlich.
Ich würde eine (zu oben) etwas abweichende Vorgehensweise vorschlagen:
(1) Suche Dir vor (!) dem Konzert einige interessante Standorte. Manchmal werden ohnehin Film- oder Tonaufnahmen gemacht und sorge dafür, dass Du als "zum Team" gehörig bekannt wirst. Merke Dir strategisch günstige Wege zwischen den einzelnen Standorten, wenn der Zuschauerraum voll ist.
(2) Deine Belichtungsautomatik führt dazu, das jedes Bild anders belichtet wird (je nachdem wie gerade die Bühnen-Scheinwerfer eingeschaltet sind) und das bedeutet, dass die Bühne selbst jedesmal eine (annähernd) gleiche mittlere Helligkeit bekommt bzw. die Anmutung (z. B. des Hintergrunds) jedesmal anders aussieht. Genau das braucht man nicht (!) in der Konzertfotografie. Die Bühne hat eine "Grundbeleuchtung", die je nach Scheinwerfereinsatz mal heller, mal dunkler auf dem Bild erscheinen soll. Nur so kannst Du die Atmosphäre des Konzerts transportieren. Und mir ist keine Automatik bekannt, die das beherrschen würde. Deshalb fotografiere ich solche Konzerte immer im manuellen Modus mit sehr geringen Veränderungen der Belichtungsdaten.
(3) Fange mit der Belichtungszeit an. 1/100s ist ein guter Anfangswert. Wenn die Akteure sehr herum zappeln, darf es etwa kürzer werden, bei Portraits und stillen Passagen auch etwas länger. Achte auf den Rhythmus der Musik und suche die Passagen, an denen sich die Künstler weniger bewegen. Als zweites wählst Du die Blende. Bei frontalen Aufnahmen kann sie groß sein, bei schrägen oder seitlichen Aufnahmen wirst Du oft auf Blende 5,6 oder noch kleiner abblenden müssen um alles scharf zu bekommen. Stelle als letztes den ISO-Wert so ein, dass die Anmutung des Bildes auf dem Display passt. Das ist in der Regel deutlich unterbelichtet als die Automatik vorschlägt. Ändere diese EInstellungen während des Konzerts nur sehr, sehr wenig (z. B. max. um 1 EV). Wenn Du das vor dem Konzert antestest, denke daran, dass während des Konzerts ein anderes Licht ist.
(4) Mache Deine Bilderserie interessant. Nur frontale / totale Aufnahmen (wie oben) sind auf Dauer langweilig. Zeige nicht nur "immer alles", sondern viele unterschiedliche Details. Gehe nahe heran, 200mm Brennweite sind nicht zu viel, zeige die Emotionen von Künstler und Zuseher. Zeige Interaktionen. Wenn ein Musikstück Wiederholungen hat, merke Dir die Bühnenshow und sei vorbereitet, wenn ein spektakulärer Augenblick wieder kommt. Ideal, wenn Du schon bei der Generalprobe anwesend sein kannst. Wenn der Sänger Rechtshänder ist, dann ist (aus Deiner Sicht) rechts vor ihm der bessere Platz, denn dann verdeckt seine Mikrofon-Hand nicht sein Gesicht.
Ciao
HaPe