Ein Schema hin oder her – das kann nicht die Probleme bei der Bildbesprechung (das Wort ist mir lieber als "Bildkritik") in einer Community wie dieser lösen.
Hier prallen einfach zu viele Welten aufeinander...
der "sensible Feingeist" auf den "rotzigen Feldwebel"
der "absolute Anfänger" auf den "(Semi-)Profi mit Jahrzehnte langer Erfahrung"
der "Macro-Blumen-Insekten-Wildlife-Spezialist" auf den "Beauty-Akt-Portrait-Spezilisten"
der "kulturell Interessierte" auf den "Spontanknipser ohne Interesse an der Fotografie als Kunstform"
der "Ich_schmeiß_hier_meine_Bilder_rein_und _will_thanks" auf den "Ich_zeige_hier_meine_Fotos_und_will_besser_werden"
der "HDRI-Photomatix und sonst nix" auf den "alles was `nen Stecker hat ist böse"
und weitere...
Weiter oben wurde es schon erwähnt und ich bin der gleichen Meinung: Man kann die Fotografie in Ihrer großen Vielfalt nicht in Schemata pressen. Ganz abgesehen davon, dass viele Bilder einfach nicht hineinpassen, auch Bildkommentare können kreativ und damit nicht nur "lehrreich" sondern unterhaltsam sein und mit einem Schema nimmt man den Kommentaren diese Möglichkeit/diese Freiheit.
In meinen Augen gibt es einige wichtige Gesichtspunkte, die eigentlich jeder ohne Probleme beachten kann...
1) Respekt
Wir sind hier nicht bei DSDS.
Das Vergnügen besteht hier nicht darin, dass die Bildeinsteller von irgend einem Oberkasper in rüden Worten zur Sau gemacht werden. Das wäre ziemlich einseitig. Es sollten aber beide Seiten etwas davon haben, wenn Bilder gezeigt und kommentiert werden.
Wer hier Fotos zeigt, erwartet zumindest, dass ihm und seinem Bild respektvoll begegnet wird. Das bedeutet, dass man sich als Kommentator einen Moment Zeit nimmt, sich zu überlegen, was der Fotograf im Moment des Auslösens gewollt haben könnte. Das bedeutet weiterhin, dass man seinen Kommentar in Worte fasst, die niemand als Angriff, als Herabwürdigung oder als verletzend empfindet. Auch wenn man sich selbst eher eines etwas rauen Umgangstones befleißigt, kann man nicht davon ausgehen, dass das jeder andere auch möchte.
2) Sensibilität
Die Hauptursache für hochkochende Emotionen bei Bildbesprechungen ist die Sensibilität. Immer dann, wenn sie auf Seiten des Bildeinstellers im Übermaß und auf Seiten des Kommentators nur rudimentär oder gar nicht vorhanden ist.
Wer öffentlich (und ein Forum mit 100.000 Mitgliedern ist verdammt "öffentlich") seine Bilder zeigt, der sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass er/sie und sein/ihr Foto meist nicht der Nabel der Welt sind. Das bedeutet, dass von diesen 100.000 vllt. einige das Foto nicht ganz so toll finden, wie der Fotograf selbst. Und das bedeutet auch, dass es welche gibt, die das in Worte fassen. Wer das nicht bedenkt, der wird irgendwann auch enttäuscht sein, wenn er nicht zufällig ein unentdecktes Riesentalent ist.
Wer öffentlich (und ein Forum mit 100.000 Mitgliedern ist verdammt "öffentlich") Bilder kommentiert, der sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass seine persönliche Meinung - denn nichts anderes ist ein Kommentar - meist nicht der Nabel der Welt ist. Er sollte sich überlegen, ob es Ziel dieser Community sein kann und sein soll, jemanden (ja, hinter den Nicks und Avataren sitzen echte Menschen) vor Tausenden anderen bloßzustellen, denn im Grunde stellt man sich damit vor ebenso vielen anderen auch selbst bloß.
3) Wortwahl
Der Ton macht die Musik.
Das gehört zwar auch irgendwie zu 1) und 2), aber ich halte es für wichtig genug, um es extra zu erwähnen.
Die härteste Kritik wird erträglich, wenn sie nachvollziehbar, begründet und mit Zurückhaltung geäußert wird. Ich halte auch Formulierungen wie "ich persönlich finde", "meiner Ansicht nach" oder Synonyme für sehr hilfreich. Es ist zwar vollkommen klar (sollte es zumindest sein), dass immer nur die persönliche Meinung geäußert wird, aber wenn es so klingt, als wären es ungeschriebene Gesetze und der Bildeinsteller nur zu unerfahren sie zu kennen, dann ist das nicht nur falsch sondern es macht die Kritik auch schwer verdaulich.
Und (damit meine ich beide Seiten!): Es schadet nie, das Geschriebene nochmal daraufhin zu lesen, wie es verstanden werden könnte, nicht alles wird so verstanden, wie es verstanden werden soll.
Noch ein kleiner Tipp für die Suche nach der richtigen Fomulierung:
Kritik, negative Kommentare werden in den allermeisten Fällen härter verstanden, als sie formuliert sind.
Lob, positive Kommentare werden in den allermeisten Fällen zurückhaltender verstanden, als sie formuliert sind.
4) Einschätzung des Anderen
Letztendlich macht es einen großen Unterschied, wer wen kritisiert.
Zum Teil "kennt" man sich im Laufe der Zeit - da gibt es ein paar Vollprofis, die hier Beispiele ihrer Arbeit zeigen, dann gibt es User, die über längere Zeit hinweg ihre persönliche fotografische Entwicklung im Bilderforum und mit den Usern hier ausleben, es gibt die Spezialisten für Reiseberichte, für Insekten- und Blumenmakros, für Wildlife, für Beauty, für Venedig, für Roller und für kleine italienische Autos, es gibt die Spaßvögel mit viel (Hinter-)Sinn für Humor, es gibt die humorbefreiten Vollblut-Wissenschaftler usw.
Wenn man "weiß" wer hinter dem Bild steckt oder wer hinter dem Kommentar steckt, dann kann man beides viel besser einordnen. Weiß man es nicht, kann man nicht davon ausgehen, dass der andere jeden Spaß auch als Spaß versteht, wie viel Erfahrung der andere hat und wie er reagiert. Manchmal ist es dann hilfreich, kurz nachzusehen, ob es schon Fotos oder Beiträge gibt, an denen man sich orientieren kann.
Damit meine ich übrigens nicht den gerne geschriebenen Satz: "Ich hab´ mir mal Deine Alben angesehen und festgestellt, dass Du gar keine Mädels/Makros/Autos/Blumen etc. fotografierst, wie kommst Du dann dazu mein Foto zu kritisieren...?" Wenn vom Kommentator Punkt 1-3 ausreichend befolgt wurden, dann kann die Antwort lauten: "Ich muss kein Koch sein, um zu beurteilen, ob mir das Essen schmeckt".