Hohenschönhausen - Gedenkstätte und ehemaliges Stasi-Untersuchungsgefängnis

Thread Status
Hello, There was no answer in this thread for more than 30 days.
It can take a long time to get an up-to-date response or contact with relevant users.

rollertilly

NF-Premium Mitglied
Premium
Registriert
Durch die "Schreckliche-Orte"-Beiträge bin ich wieder gedanklich nach Hohenschönhausen zurück gekommen. Ich war im Rahmen einer Berlinreise (organisiert vom Bundespresseamt) unter anderem auch an diesem Ort. Habe mich aber eine ganze Zeit absichtlich nicht mit diesen Bildern beschäftigt. Jetzt, mit ein bisschen Abstand, fällt es leichter.

Hohenschönhausen war zuletzt Untersuchungsgefängnis der Stasi. Es ist kein leichter Besuch dort. Er bedrückt, er beeindruckt, er lässt nachdenken. Besonders, wenn die Führung dort durch einen Zeitzeugen, durch einen ehemals dort Inhaftierten, gemacht wird. Unglaublich, was zu einer Zeit passierte, in der ich längst Erwachsener war. Nicht irgendwann ganz, ganz früher.

Es war schwierig dort zu fotografieren. Nicht, weil man es nicht durfte, im Gegenteil. Aber weil man sich wie ein Voyeur vorkommt, der festhält, was andere erlebt haben. Weil man eigentlich auch ohne Bildermachen nur den Erläuterungen des Besucherführers zuhören will. Weil man fast nur mit den Augen schauen will und nicht zuviel durch den Sucher der Kamera. Natürlich auch, weil es eng ist, andere Besucher da sind und die Zeit drängt. Aber das sind doch nur technischen Hemmnisse.

Hohenschönhausen. Ein Besuch im April 2014 in wenigen Bildern.


#1


draussen by rollertilly, on Flickr​
 
Anzeigen
Solche Bilderserien interessieren mich immer.
Klingt bei dem Thema komisch (und ist auch nicht witzig gemeint), aber ich freu mich drauf.
 
Kommentar
Schon die Gegend, in der das Gefängnis liegt, ist ungewohnt. Eine Wohnsiedlung. Einfamilienhäuser. Einfamilienhäuser, in denen heute noch führende Mitarbeiter von früher wohnen.

Es beginnt mit einem Multimedia-Vortrag. Sehr gut gemacht. Man sitzt in einer langen Garage und wird "eingestimmt". Und dann geht das Licht wieder an und der Besucherführer übernimmt seine Gruppe. Und ich bin sicher, jede Führung ist anders, weil jede Führung sicherlich sehr, sehr subjektiv ist.

Hier eines der zentralen Gebäude. Eine seltsame Kombination, das offene Fenster und die Gitterstäbe davor.


#2



zentrales gebaeude by rollertilly, on Flickr​
 
Kommentar
Ich habe die Führung im Juni gemacht, aber leider nicht fotografiert.

Obwohl das bei weitem nicht die Spitze des Eisbergs war, war das schon bedrückend genug.
 
Kommentar
Ein Gefangenentransportwagen. Keine Fenster. Die Gefangenen wurden damit stundenlang durch die Gegend gefahren, selbst wenn sie nur von einem Zellengebäude in den Krankentrakt gebracht werden mussten. Unser Besucherführer und Zeitzeuge Wolfgang Warnke - ich stelle ihn euch nachher noch vor - hatte im vergangenen Jahr gesundheitliche Probleme und musste zum ersten Mal in einem Krankenwagen transportiert werden. Er konnte das nicht. Panikattacken, Schreien - keiner der Sanitäter konnte es verstehen. Nach fast 40 Jahren saß er plötzlich wieder in einem der Gefangenentransportwagen.


 
Kommentar
Ein Gang. Einzelzellen. Türen. Futterluken. Jeder Gang hat an den Wänden Drähte mit Steckverbindungen. Ist einer der Wärter in Gefahr, zieht er am Draht und die Verbindung zweier einfacher Bananenstecker wird getrennt. In einem der Überwachungsräume gibt es Alarm. Auch die Überwacher in den Überwachungsräumen werden von Überwachern überwacht.


#7


zellengang II by rollertilly, on Flickr


Die Zellen selbst spartanisch. Holzpritschen. Ohne Matraze.

#8


pritsche by rollertilly, on Flickr

 
Kommentar
Die Gefangenen stehen unter ständiger Beobachtung. 24/7.
Sie haben übrigens keine Namen. Hier ist Nummer 106 inhaftiert.


#11


106 beobachtet by rollertilly, on Flickr


Das Zellen Licht kann angeschalten werden. Es kann ausgeschalten werden. An. Aus. Alles kann abgeschalten werden. Von außen!


#12


abstellen by rollertilly, on Flickr



Die Futterluke. Keiner von uns möchte heute essen, was sie damals bekommen haben.

#13


futterklappe by rollertilly, on Flickr
 
Kommentar
Ein langer Gang. Am Ende des Ganges eine Kreuzung, Gittertüren an allen vier Seiten. Oben Ampeln. Die Gefangenen dürfen sich gegenseitig nicht sehen. Sollten sich zwei begegnen, wird bei roter Ampel ein Gefangener mit dem Gesicht an die Wand gestellt, bis der andere vorbei ist. Das alles erklärt Wolfgang Warnke im Erzählton.

"Wie das funktionierte? Stellen sie sich doch einfach mal mit dem Gesicht zur Wand", sagt er zu einem von uns. Kein Problem. So, mit dem Gesicht zur Wand.

"Kopf hoch, Hände nach unten ...", und er er zählt weiter, und erzählt und erzählt.

"GESICHT ZUR WAND!!!!!!" herrscht er plötzlich den Besucher an, der denkt, seine kleine Demonstration wäre schon zu Ende. Es geht durch Mark und Bein. Alle sind mucksmäuschenstill. Und einer von uns steht mit dem Gesicht zur Wand und traut sich kaum atmen.


#14


zellengang II by rollertilly, on Flickr
 
Kommentar
Danach geht es durch die Räume des Erkennungsdienstes und dann zieht Herr Warnke Bilder aus dem Jackett. Das ist er. Das soll er sein. Die Bilder sind aus seiner Gefangenenakte. Er hat nie einen Anzug getragen. Er erzählt seine Geschichte. Er wurde als Fluchthelfer in Bulgarien verhaftet, als er jemandem dort über die Grenze helfen wollte. Er sitzt in Bulgarien in Haft unter widrigsten Bedingungen. Er wird in einem eigenen Flugzeug nach Berlin geflogen - Hohenschönhausen - und wochenlang in U-Haft gehalten und befragt. Sie vermuten eine professionelle Schleuserbande. Danach wird er nach Sofia zurück gebracht. Er sitzt dort seine volle Strafe ab. Hier in Hohenschönhausen war er nur wenige Wochen. Wenige, prägende, lange Wochen.

Keine einfache Führung.


Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diese beiden Bilder zeige. Aber Herr Warnke ist ein Mensch in der Öffentlichkeit. Er ist Zeitzeuge. Er will weitergeben. Das ist seine Art, damit fertig zu werden. Es ist beeindruckend. Seine Geschichte ist öffentlich, er erzählt sie, er muss sie erzählen. Deshalb zeige ich diese Bilder hier. Links zum Thema erst am Ende des Beitrages.


#15


zeitzeuge I by rollertilly, on Flickr​
 
Kommentar
Wir gehen ein paar Türen weiter. Seine Stimme wird leiser. Er muss sich anstrengen. Er erzählt aus seiner Haftzeit. Dann davon, wie er zum ersten Mal als "Zeitzeuge" hierher zurückkehrte.

Wie er es schafft, damit zu leben, darüber zu reden, zu erzählen. Und dann steht plötzlich nicht mehr Herr Warnke vor uns.

Vor uns steht Nummer Einhundertundfünfzehn. Seine Nummer. Seine Zelle.


#16


zeitzeuge II by rollertilly, on Flickr
 
Kommentar
Als letzte Station führt er uns in ein Vernehmerzimmer. Jeder Gefangene hatte seinen Vernehmer. Er beschreibt wie er hereingeführt wurde, wo er saß, dann setzt er sich an der Schreibtisch und ist der Vernehmer. Sie plaudern. Über Fußball. Über Torte. Und wie einfach es wäre, wieder einmal Torte zu essen. Draußen. Nur ein paar Antworten. Informationen. Raus.


#17


vernehmerzimmer by rollertilly, on Flickr
 
Kommentar
Dann klingelt das Telefon.

"Ach ja? ---- Tatsächlich? ---- Na das ist ja prima! ---- Nein?!? ---- Seine Frau auch? ---- Alles gestanden? ---- ...."

Aufgelegt.

"Sehen Sie, 115 ...."


So liefen Vernehmungen. Ich bin fast sicher, dass er wörtlich von damals erzählt. Gänsehaut - auch jetzt beim Schreiben wieder.

Das Telefon hatte nie einer Verbindung nach draußen. Der Vernehmer ließ es klingeln.


#18


telefon by rollertilly, on Flickr​
 
Kommentar
Das war Hohenschönhausen. Die Führung ist eine beeindruckende Erfahrung. Ich bedanke mich bei Herrn Warnke. Wir verlassen das ehemalige Untersuchungsgefängnis. Kaum jemand spricht.


#19


blick zurueck by rollertilly, on Flickr



Ich hätte nie gedacht, dass mich ein "Museumsbesuch" derart beschäftigt. Um ehrlich zu sein: Geschichte war (inzwischen muss ich sagen: leider) nie ein Lieblingsfach von mir. Hier wird Geschichte begreifbar. Auch meine Töchter waren bereits mit der Schule hier. Einen Besuch - auch wenn er schwierig ist - kann man nur jedem empfehlen. Jedem. Zeitzeugen erzählen zu hören ist unersetzlich. Noch gibt es Zeitzeugen. Noch.

Und hier noch zwei sehr interessante Links. Infos zu Hohenschönhausen sind für jeden selbst einfach zu finden.

DDR-Zeitzeugen:
http://www.ddr-zeitzeuge.de/ddr-zeitzeugen-recherchieren/ddr-zeitzeuge/wolfgang-warnke-121.html
Eine Organisiation, die u.a. Zeitzeugen vermittelt. An Schulen, für Vorträge etc.

Zone: bin eher zufällig drauf gestoßen. Keine einfache Struktur, ein Projekt über Hohenschönhausen und andere Stasi-Orte. Man muss sich darauf einlassen, dann entdeckt man sehr, sehr viel.
http://www.gvoon.de/zone-haft-biografien/wolfgang-warnke.html
http://www.gvoon.de/stasi-gefaengnis-berlin-mfs-uha-ddr.html
Experimentelles, Erfahrungen, Bilder, Filme.


Danke fürs mitkommen. Vielleicht regt meine Reportage den einen oder anderen zu einem Besuch an. Direkt nach meinem Besuch in Berlin wäre mir dieser Bericht wesentlich schwerer gefallen.
 
Kommentar
Ich vermute, daß Du nach dem Besuch die gleichen Empfindungen hattest, wie ich nach meinem Besuch in Dachau. Daher Chapeau für Deine Bilder und Erklärungen. Obwohl ich die Bilder von Dachau fertig habe, kann ich mich noch nicht entscheiden, ob ich sie hochladen möchte. Zu erschreckend waren meine Eindrücke. Zu schmerzlich waren meine Empfindungen und zu beschämend war das Verhalten der meisten Besucher.
 
Kommentar
Beklemmend ... und ich sag das als jemand, welcher nichts dergleichen auch nur annähernd erlebt hat ...

:up::up::up:
 
Kommentar
Beklemmend ... und ich sag das als jemand, welcher nichts dergleichen auch nur annähernd erlebt hat ...

Auch mein Dank geht an Dich, Stefan, für diesen Bericht.

Das ehemaliges Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen kenne ich nicht.

Jeder Knast ist beklemmend. Auch heute noch. Eine Wertung der geschlossenen oder noch vorhandenen Gefängnisse soll hier nicht abgegeben werden.

Die Gebäude - außen wie innen - geben nur einen Teil des Geschehens, des Lebens, der Strukturen wieder.

Auch ich bin nicht dazu berufen oder in der Lage, das Thema hier zu moderieren. Es ist komplexer, als es mit wenigen Worten dargestellt, oder kommentiert werden kann.

Unter Dr. Heinz-Dietrich Stark, dem ehemaligen Leiter des Kriminalpsychologischen Dienstes und anschließendem Direktor der JVA (Justizvollzugsanstalt) Fuhlsbüttel, war ich in den 70´igern als Referendar in " Anstalt II " , auch bekannt unter St. Fu. ( "Santa Fu" ) und habe ein halbes Jahr dort im Vollzug verbracht.

Wer sich einlesen möchte :
http://www.jochen-fahrenberg.de/uploads/media/Dr._Heinz_Dietrich_Stark_02.pdf

Sollten wir einander sehen, können wir sprechen.
 
Kommentar
-Anzeige-
Zurück
Oben Unten