936baby schrieb:
Welchen Film nehme ich jetzt für die Vergrößerung, Dia oder Negativ.
Gruss Rolf
Hallo Rolf,
ich würde an Deiner Stelle beides nehmen, Dia und Negativ. Dann kannst Du für die Zukunft das Material nehmen, welches Dir besser gefällt als Grundlage für Prints.
Diafilm: Fuji Velvia 100 oder 100F und Fuji Astia 100F.
Farbnegativfilm: Fuji PRO 160 S/C und Kodak Portra 160 NC/VC.
SW-Negativfilm: Fuji Neopan Acros 100 (entwickelt in Spur HRX-2 oder CG-512) und Spur Orthopan UR (entwickelt in Spur Nanospeed UR).
Bei den Negativfilmen sollte eine durchgehende analoge Verarbeitungskette gewählt werden. Also kein Scan, sondern Vergrößerung mit apochromatisch korrigiertem Vergrößerungsobjektiv. Der Diascan sollte mit Trommelscanner erfolgen, um möglichst viel aus dem Dia herausholen zu können.
Du solltest auf folgende Punkte achten:
- absolut gleiche Bedingungen für jede Testreihe
- Stativ + sehr kurze Verschlusszeiten, falls nötig Blitz, um Verwacklungsunschärfen auszuschließen
- ganz wichtig: Schärfereihen machen, denn weder die AF-Module moderner Kameras, noch unsereiner mit seinem Auge hat eine 100%tige Trefferquote und Wiederholgenauigkeit. Konkret: Wenn Du hintereinander zehn Aufnahmen auf ein statisches Motiv mit AF machst, und zwischendurch die Schärfe wieder verstellst, damit der AF erneut auf das gleiche Motiv scharfstellen kann, wirst Du entgegen der Erwartung nicht zehn mal die gleiche Schärfe bekommen, sonder vielleicht vier, fünf oder sechs unterschiedliche Schärfeniveaus, je nach Kamera und Objektiv. Bei manueller Fokussierung mit Auge desgleichen, Unterschiede natürlich auch in Abhängigkeit von der Sehstärke.
Quintessenz: Schärfereihen mit vielen Aufnahmen machen, bei denen jeweils neu fokussiert wird. Die schärfste Aufnahme wird jeweils ausgewählt.
Weiterhin musst du Dir im Klaren sein, welche Kriterien Dir bei der Bildqualität wichtig sind (und dann, wie Du sie vernünftig testen willst):
Schärfe, Auflösung (ist nicht das gleiche), Körnigkeit, Helligkeitsrauschen und Farbrauschen (digital), Farbwiedergabe: Natürlichkeit, Neutralität/Graubalance/Farbkippen, Farbsättigung.
Natürlichkeit des Bildeindrucks (unregelmäßige Verteilung des Filmkorns vs. streng geometrische Verteilung der Pixel).
Bildstörungen wie Moirés, Aliasing, Pixelartefakte, "Collage-Effekt" etc.
Objektumfang/Dynamikumfang.
Je nachdem, welche Prioritäten Du hier setzt, dürfte bei einigen Kriterien Film, bei anderen digital die Nase vorn haben.
Wichtig ist, dass man weiß, was man will, bzw. was für das Motiv und die Aufnahmesituation das Geeignete ist.
Bei mir persönlich sieht das z.B. folgendermaßen aus (in den vergangenen Jahren habe ich viel ausprobiert und verglichen, um für mich das Beste herauszufinden):
Ich fotografiere sehr häufig Menschen. Dafür bevorzuge ich Film, weil mir die Hauttonwiedergabe bei Film deutlich besser gefällt als digital aufgenommen. Ich empfinde sie als natürlicher und mehr meinem Augeneindruck entsprechend. Digital wirken Hauttöne oft etwas wachsartig.
Bei Hochzeitsaufnahmen (kommt bei mir öfter vor) bevorzuge ich darüber hinaus Negativfilm wegen seines höheren Dynamikumfangs. Bei kontrastreicher Beleuchtung bekomme ich mit Film sowohl Zeichnung in den Spitzlichtern im weißen Brautkleid, als auch im dunklen Anzug des Bräutigams. Digital habe ich laufend das Problem insbesondere ausgefressener Spitzlichter. Da auf Hochzeiten häufig kontrastreiche Lichtsituationen vorherrschen, fotografiere ich da nur analog. Die bessere Hauttonwiedergabe ist natürlich auch ein entscheidender Grund. Und bei der Widergabe der Stoffe habe ich keine Probleme mit Moirés.
Bei SW bevorzuge ich ebenfalls Film. Die Grauwertwiedergabe gefällt mir besser. Digital sieht mir immer etwas nach "entfärbter Farbe" aus, liegt mir nicht so. Außerdem kann ich mit SW-Filmen deutlich höhere Auflösungswerte erzielen als selbst mit den besten und teuersten Sensoren. Dass mir die Arbeit in der Duka mehr Spaß macht als die Arbeit am Rechner kommt noch hinzu.
Auch bin ich ein großer Fan der Projektion. Und da ist das klassische Dia einfach unerreicht. Ich habe bisher keine Beamer-Projektion gesehen, die wirklich überzeugend war. Außerdem genieße ich die Betrachtung meiner Dias durch meine Schneider Dia-Lupen (KB und MF): Die dabei erzielte Dreidimensionalität ist mit anderen Mitteln nicht zu erreichen. Die Bildbetrachtung auf Computermonitoren gefällt mir im Vergleich dazu gar nicht, da flach, sehr viel schlechtere Auflösung, mangelhafte Tonwertübergänge.
Mit meiner digitalen hat mir auch schon manches Mal der Collage-Effekt, sowie Moirés und Aliasing Bilder versaut. Bei Film habe ich solche Probleme grundsätzlich nicht.
Insgesamt empfinde die analoge Bildanmutung als etwas natürlicher und mehr meinem persönlichen Augeneindruck entsprechend, digital dagegen tendenziell als etwas steriler und künstlicher. In der fotografischen Fachliteratur wird dieses Phänomen damit erklärt, dass das Filmkorn unregelmäßig und chaotisch verteilt ist, während die Pixel auf den Sensoren streng geometrisch verteilt sind. Da in der Natur nur unregelmäßige, aber keinerlei streng geometrische Struturen bestehen, empfinden wir die unregelmäßigen Strukturen als etwas natürlicher. Soweit die Theorie. Ob das der Grund für meine Wahrnehmung ist weiß ich nicht, ist mir auch egal. Entscheidend ist für mich nur, dass mir im Vergleich die analoge Bildanmutung besser gefällt.
Das sind einige der Gründe, warum ich persönlich die Bildqualität, die mir Film liefert, in den allermeisten Fällen bevorzuge. Es macht bei meinen Anwendungen mehr Sinn. Aber das ist meine subjektive Sicht.
Das muss eben jeder für sich selbst herausfinden. Jeder Fotograf hat seine eigenen Anforderungen und Schwerpunkte.
Ich wünsche Dir viel Erfolg bei der Lösung der für Dich wichtigen Fragestellungen.
Beste Grüße,
Balou