Die Einsamkeit und Geschichten ...

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...und immer wieder Wegbegleiter ...


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Ja, die Alpe Salei ... mit einem wunderbaren Ausblick, unter anderem auf dem See und auf Locarno ... weit vorne, aber sichtbar ... und die herrlichen bunten Berge ...


Tagebucheintrag

Und wer meint, hier gemütlich spazieren zu können, der irrt erneut. In diesem Tal sind im besten Falle die privaten Gemüsegärten flach und eben. Hier geht es nur aufwärts oder abwärts. Und das schnell oder langsam. Hier haben weder Turnschuhe noch Flipflops etwas verloren. Der Minirock bleibt spätestens nach zwanzig Metern an den Dornen der Brombeeren hängen, der oftmals zügige Talwind macht jede gestylte Frisur innerhalb von Sekunden zunichte.



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Parkiert haben wir wiederum bei der Seilbahnstation im Valle Vergeletto. Dann gingen wir zu Fuss weiter ... im weiter ... bis


Tagebucheintrag

Wer meint, hier würde astreines italienisch gesprochen, der irrt auch. Die Vielfalt der Menschen hier haben ein kunterbuntes Sprachgemisch über die Jahrhunderte hinweg hervorgebracht. „Onsernonisch“ könnte man sagen: ein Gemisch aus italienisch und französisch gewürzt mit speziellen Tal Redewendungen welche man beim besten Willen nicht versteht. Aber irgendwie versteht man sich, irgendwie.

Nein, lieblich ist das Tal nicht. Es macht es einem schwer. Das Tal muss jeder für sich selbst erobern. Und das immer wieder von neuem. Vor etwa 20 Jahren haben wir hier, zwei Familien, zwei Wochen Ferien in Berzona verbracht. Und es hat vier Tage geregnet. Und plötzlich kamen die Rettungsmannschaften, Helikopter kreisten am Himmel und zwei Tage später hat man eine Frau zu Tale geflogen. Tot, abgestürzt. Eine Frau, welche seit Jahrzenten im Tal lebte.

1850 lebten hier weit über 4'000 tausend Menschen. Heute sind es noch ca. 900 im Durchschnitt. So genau habe ich das nicht rechechiert. In Berzona leben das ganze Jahr hindurch noch weniger als fünf Bewohner. Es gibt jene Menschen die gehen, weil sie können. Es gibt jene, die bleiben, weil sie keine andere Wahl haben. Und dann gibt es noch jene, die wohnen hier freiwillig. Vereinzelt gibt es noch Landwirtschaft, eine Autowerkstatt, und den Abbau von Steinen sowie den Tourismus. Mehr nicht. Der Rest arbeitet in der Agglomeration Locarno, Ascona und fährt das Tal hinauf und hinab. Jeden Tag.

Nein, wir wurden nicht freundlich empfangen. Neblig war es, die Steine sind glitschig, die Treppen zu unserem wunderschön ausgebauten Ferienhaus steil. Nein, die Reise von der Deutschschweiz nach Locarno ist kein Problem. Von Locarno ins Onsernonetal ist es eine Herausforderung. Eine alte Frau mit ihrer gesteilten Katze sitzt vor dem Gemeindehaus und beobachtet mich, als ich das Gepäck aus dem Auto hievte. Sie sprach mich an, was ich hier mache. Ferien, war meine Antwort. Sie antwortete mit einem zahnlosen Lächeln. Wo dann, fragte sie. Casa Onsernone, sagte ich, ah si, war ihr Kommentar. Nachdem ich das letzte Gepäck aus dem Kofferraum nahm, sah, ich das die alte Frau aufstand, ihrer Katze zurief und die Strasse entlang lief. Die Katze folgte ihr, als wäre sie ein Hund.

Max Frisch hat hier einen Roman geschrieben. Die älteren Menschen hier erzählen unserer Freundin Susanna noch immer von den Begegnungen mit dem berühmten Schriftsteller. Susanna arbeitet in einer Organisation, welche Menschen zu Hause im Alter betreut. Und ihre Arbeit führt sie von Locarno aus in die abgelegendsten Winkel dieser Nordtäler. Sie hätten ihn nicht als sonderlich freundlich erlebt, erzählen sie. Eher mürrisch und abgewandt und am Leben im Tal und ihrer Bewohner nicht sehr interessiert. Schlecht wird nicht geredet über den brillanten Schriftsteller, eher etwas irritiert. Zwanzig Jahre lang hat Frisch in Berzona gewohnt und erhielt das Ehrenbürgerrecht. Eine Metalltafel erinnert noch an sein Dasein. Mehr nicht.

Der Vergleich mit Fellini’s abstrusen Filmen und dem Onsernonetal ist nicht abwegig. Die Nähe zu Italien, die permanente Zu- und Abwanderung machten aus dem Tal eine bunte Mischung von Leben und Charakteren. Nur das Tal blieb, was es vermutlich schon Jahrtausende ist: waldig, steil und unberechenbar. Und so findet man den Intellektuellen, den Bauern und der dunkelhäutige Buschauffeuer abends an einer der wenigen Bars im Tal.



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Skulpturen ...


Tagebucheintrag

Spruga ist die Grenze zu Italien. Die Grenze ist das Bad, oder vielmehr der Fluss. Das alte Bad (Bagni di Craveggia) wurde im Jahre 2016 teilrestauriert. Hier wollen wir einmal baden gehen, in einer dieser freistehenden Badewannen. Das Wasser soll mit 28 Grad Celsius aus den Quellen sprudeln.
Die Idylle des Bades täuscht über die das Ereignis von 1944 hinweg. Ausgerechnet in dieser Gegend ein Gefecht zwischen italienischen Nazifaschisten und Partisanen statt und forderten viele Opfer. Die Schlacht fand am 18. Oktober statt. Mit Hilfe der Schweizer Armee konnten sich rund 250 italienische Partisanen über die Grenze nach Spruga retten, unter ihnen Frauen und Kinder. Ohnehin haben viele Flüchtlinge diesen Pfad überquert und fanden unter anderem Aufnahme in der Villa „La Barca“, welches Aline Valangin und Wladimir Rosenbaum gehörte.

Das Tal sich nicht erst vor kurzem verändert. Über Jahrhunderte hinweg zogen Männer aus wirtschaftlichen Gründen in das nahe gelegene Ausland um Geld zu verdienen. Das Schmuggler- und Söldergeschäft blühte. Zu Hause hatten die Frauen das Sagen, zwangsläufig. Kinder und Frauen bewirtschafteten die oft kärglichen Weiden und Alpen, versorgten Vieh und Garten und gingen in den Wintermonaten zu Hause einem kleinen Handwerk nach. Jene Väter welche zurück kehrten brachten Geld mit nach Hause. Einige von ihnen verloren ihr Leben im Ausland und kamen nie mehr. Und so wurde das Tal von andern Menschen mitbevölkert. Intellektuelle, Aussteiger, Flüchtlinge, welche bleiben konnten und wollten.

Wirklich „touristisch“ wird es erst auf den Alpen. Dafür steigt man in eine Gondel der wenigen Seilbahnen und begibt sich zum Beispiel auf die Alp Salei. Man kann von Comologno, wo wir hausten, auch hinauf wandern. Nur gerade aus geht es nicht.



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...und wieder eine Alp ...

Ich nehme mir auch immer wieder Zeit, Eindrücke der Tage vorher zu verarbeiten. Plötzlich kommt wieder ein Gedanke...und plötzlich meine ich, wieder etwas mehr verstanden zu haben ...


Tagebucheintrag

Zwei Stunden hinauf, zwei hinunter. Wer glaubt hinunter ist man schneller, der täuscht sich erneut. Die Wege sind steil und bergauf ist es meistens einfacher als den Berg runter. Oft führen die Wege bis zu einer bestimmten Höhe durch den Wald. Die am Boden liegenden Blätter machen alles sehr rutschig und verdecken die Sicht auf ein sicheres Absetzen der Füsse. So muss man sich wesentlich mehr konzentrieren, wenn man bergab geht.

Man tut viel, um Touristen ins Tal zu bringen. Ist es doch eine der wichtigsten Einnahmequelle des Tales. Das neu eröffnete Palazzo Gamboni, ein Bau aus dem 18 Jahrhundert, wurde neu renoviert und mit zum Teil epochalen Möbeln ausgestattet. Gemäss Informationen der Betreiber, ist das Hotel sehr gut ausgebucht.

Ja, das Onsernonetal muss man gefühlsmässig erobern. Man lässt sich darauf ein oder nicht. Es ist keine Gegend, welche einem ein „Wau“ entlockt. Das Staunen über dieses Tal kommt erst mit der Zeit. Die Faszination wird spürbar, wenn man den Geschichten nachgeht, das Tal und ihre Bewohner langsam beginnt zu erfassen.

Der erste Spaziergang führte uns nach Italien. In Spruga parkierten wir das Auto, gingen die asphaltierte Strasse hinunter und überquerten irgendwann die Grenze. Wo genau die Grenze ist, hat sich uns noch nicht erschlossen. Irgendwo kurz von dem Bad muss sie sein. Ein kleines Denkmal erinnert kurz vor dem Bad noch einen Partisan, welcher beim Angriff 1944 auf Schweizer Boden ums Leben kam.

Irgendwann sagte ich zu Claudia, da könnte es noch Feuersalamander haben. Und es vergingen keine zwei Minuten, trafen wir einen auf der Strasse. Freudig über diese Begegnung, achteten wir auf unsere Schritte. Und wir taten gut daran. Zwei von den total fünfzehn Feuersalamandern welche wir antrafen, haben wir über die Strasse geholfen. Jeder von ihnen war anders gezeichnet: vom vielen orangen bis gelben Flecken bis hin zu fast durchgehend schwarz.

Bei den Germanen und Kelten galt diese Tier als Krafttier des Menschen und Begleiter der Seelen, sowohl von Lebenden wie Toten. Die feuchten Löcher, wo sich die Tiere zurückziehen, interpretierten die Urvölker gleichermassen als Zugang zur Unterwelt oder eben als Türe zu den Verstorbenen. Der Umgang mit Wasser und Erde, zwei Elemente in denen sich die Salamander bewegen, zeigen uns den Umgang mit Verstand (Erde) und Gefühlen (Wasser). Und der Feuersalamander im Speziellen hat vertritt noch das Element Feuer. Feuer als Sinnbild von Wärme und Schöpferischen, gleichzeitig aber auch im Sinne von reinigend.

Mythologien dienen ja nicht dem wortwörtlichen Glauben. Aber sie geben altes Wissen in unglaublicher Direktheit weiter. Und wer schon Feuersalamander begegnet ist, der weiss, wie einem schon nur der Anblick faszinieren und berühren kann. In wie weit dass sich Mythen und Glaube sich in den Tessiner Tälern vermischt haben, weiss ich nicht genau. Sicher ist, dass die streng katholischen Gläubigen immer wieder mit andern Weltanschauungen und Mythologien konfrontiert worden sind.



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