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Im Verlaufe der Jahre wurde in Indemini viel an Erneuerung und Erhaltung der Infrastruktur investiert. Abläufe wurden gebaut, so dass das Wasser besser abfliessen kann. Die steinigen Wege wurden ausgebessert oder zum Teil ersetzt.
Die enge Bauweise hat im Übrigen durchaus seinen Sinn. Bei einer Schnee- oder Steinlawine nimmt es die Wucht und die Wucht der Lawine kann sich nur sehr schlecht zwischen den Häusern entfalten. Eine Bauweise, welche man in den Bergen sehr häufig sieht, wenn auch nicht in dieser extremen Form.
Am 3. Tag machten wir eine dreistündige Wanderung.
Tagebucheintrag:
Ich mochte gestern nicht schreiben. Ich habe gelesen, Alice Herz-Sommer, die jüdische Pianistin aus Prag, welche im Altern von 111 Jahren dieses Jahr gestorben ist. Ihr Leben fasziniert mich, gibt mir Mut und auch Zuversicht.
Indemini. Ich habe mich riesig auf Indemini gefreut. Der Sonntag (gestern) war neblig, mir sind von unserem Ferienhaus die paar Kilometer nach Indemini mit dem Auto gefahren. Das Dorf selbst ist „autofrei“, irgendwie lächerlich, den im Dorf selbst kann man nicht einmal Fahrrad fahren.
Nach Indemini von gestern bin ich am Abend wieder auf die Terrasse gesessen und habe die Abendstimmung genossen.
Ich habe über Indemini das gelesen was mir das Internet über Indemini ausgespuckt hat: Romantisch, einsam, nostalgisch sind die hauptsächlichen Adjektive über das Dorf. Ich empfand nichts von dem. Es war wie eine andere Welt, paradox, voller Gegensätze. Uns empfing eine lachende, heitere Runde vor dem Dorfladen. Die alte Dame, bei der wir nach unserer kleinen Rundreise durchs Dorf eine Flasche Merlot und Oliven kauften, hatte zwei Tische und ein paar Stühle von den Laden gestellt. Wohl Bewohner von Indemini hatten ein kleines „Stell-Dich-Ein“ an den Tischen. Eine Frau zückte das Handy, nichts von Romantik.
Ich genoss die späten Nachmittage und die Abende sehr. Wir verbrachten die meiste Zeit nach unseren Ausflügen auf der Terrasse, lasen und ich stellte mein Stativ auf, mit dem 800mm drauf.
Die Weite liess Gedanken zu, Gefühle und ich hatte endlich einmal Zeit, viel Zeit, mir selbst nachzugehen. Und irgendwie hat es mir grossen Spass gemacht in der Nacht die Städte am Lago di Maggiore zu beobachten.
Unser Spaziergang heute führte uns einen Höhenweg entlang zu einem kleinen Weiler. Sie sind nicht ungefährlich, diese Höhenwege. Obwohl sie wenig frequentiert sind bergen sie grosse Risiken. Gutes Schuhwerk, frei von Schwindelgefühlen und einigermassen trittsicher sind die Voraussetzungen für sicheres, aber atemberaubendes Erlebnis.
Die Berge im Tessin sind sehr steil und felsig. Dennoch sind die Wanderwege sehr gut ausgebaut und sehr gut beschriftet mit den notwenigen Angaben. Bei Nässe oder Regen meidet man aber solche Wege am besten. Im Herbst kommt dazu, dass die Wege mit Blätter und mancherorts auch Kastanien übersät sind. Da sieht man das eine oder andere Hindernis nicht mehr.
Ja, Indemini: Wohl für die meisten welche den weiten Weg hierhin finden ein Eintauchen in Nostalgie. Indemini würde es wohl nicht mehr geben (für die Schweiz), wäre da nicht die Strasse und die deutschschweizer Aussteiger. Der deutschsprachige Anteil in Indemini macht gut die Hälfte der Bewohner aus.
Ich mag den Begriff „Aussteiger“ nicht. In Indemini habe sich mein Gefühl wieder bestätigt. Wir wurden von einem Herrn angesprochen, welcher sich dort eine „Kunstsammlung“ von alten Instrumenten aufgebaut hat. Er würde uns eine Führung anbieten, natürlich in deutscher Sprache, aber fotografieren würde er nicht erlauben. Nur am Schluss dürften wir seine Katze fotografieren. Ich kann es mir als Aussteiger erlauben und leisten, einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben zu ziehen. Und ich nieste mich dann in ein Dorf ein, und meine damit, anders zu sein.
Das Leben der Indemininesi war alles andere als „aussteigen“. Der tägliche Überlebenskampf absorbierte sie über Generationen hinweg. Die Väter dienten als Söldner fremden Fürsten und Königen, waren zwischen durch als Schmuggler tätig und später höchst gefragte Gebäckträger an den Bahnhöfen (insbesondere Mailand).
Die Frauen waren für den Rest zu Hause verantwortlich. Die Buben hüteten und versorgten das eigene Vieh (meist Schafe und Ziegen) und die Mädchen halfen im Haus und auf den Feldern und marschierten zweimal die Woche über den Pass an den Lago di Maggiore nach San Nazzaro um ihre Produkte zu verkaufen und wieder mit lebensnotwendigen Produkten nach Hause zu marschieren.