Eigentlich hätte schon längst Gras über die Katastrophe wachsen können. So, wie über die Gräber des muslimischen Friedhofs. Wenn man nur all die Versprechungen eingelöst, wenn man nur das Gelände schon längst von seinem Giftmüll befreit hätte. Doch so wächst das Gras nur über den alten Gräbern des Friedhofs, der im Verlauf der Stunden und Tage nach der Tragödie schnell zu klein wurde. Alte Gräber mussten damals geöffnet, heilige Gebote des Islam gebrochen werden.
„Ich weiß“, klagte damals einer der Totengräber, „es ist eine Sünde, zwei Tote in ein Grab zu betten. Allah mag uns vergeben – wir legten drei, vier und mehr noch hinein.“ Die Hindus verbrannten all die Toten, immer 25 auf einmal. Da aber schnell das Holz für die rituelle Verbrennung ausging, überschüttete man sie, ebenso gegen den religiösen Brauch, mit Kerosin, um sie zu verbrennen.
Alter Bereich des muslimischen Friedhofs in Bhopal
Stattdessen ist im Laufe der Jahre aus der Umweltkatastrophe ein Wirtschaftskrimi geworden. 1994, zehn Jahre nach dem Unfall, verkaufte die Union Carbide Corporation ihren Anteil an der
Union Carbide India an die
Mcleod Russel India, die wiederum zur Investmentgesellschaft
Williamson Magor Group gehört. Die Firma wurde dabei in
Eveready Industries India Ltd. umbenannt, nach der bekannten Batteriemarke der
Union Carbide Corporation, USA.
Ein paar Jahre nach der Übernahme in einem Interview nach der Verantwortung für Bhopal als Rechtsnachfolger der
Union Carbide India in Indien befragt, antwortete ein nicht namentlich genannter Offizieller der
Eveready Industries India: „Eveready ist weder für die Umweltverschmutzung noch für die Entsorgung der giftigen Chemikalien in Bhopal verantwortlich. Daher müssen wir uns auch an keiner Säuberungsaktion beteiligen.“
Wenn überhaupt, dann sollte der damalige Besitzer der UCIL, die UCC in den USA, für die Aufräumarbeiten auf dem Gelände haften. Die Anlage hatte zum Zeitpunkt des Erwerbs durch die
Williamson Magor Group in den Büchern der Firma keinen Vermögenswert mehr.“
Im Wohngebiet direkt gegenüber der alten Fabrik: Vater mit seinen zwei Söhnen, 16 und 12 Jahre alt, beide geistig behindert
In den USA kam es im Laufe der Jahre zu mehreren Klagen gegen die
Union Carbide Corporation, aber alle Anschuldigungen und Forderungen wurden abgewiesen. So wies z.B. das US-Bezirksgericht in Manhattan eine Klage zurück und entschied, dass Union Carbide Corporation & Anderson nicht für die Sanierung der Umweltschäden haften müsse. Den umfangreichen Unterlagen zur Entstehungsgeschichte der Firma zufolge habe die UCC nur eine untergeordnete Rolle bei der Planung der Fabrik und des Abfallbeseitigungssystems der Anlage gespielt. Daher sei für die Entstehung und die Entsorgung der Abfälle die Firma
Union Carbide India verantwortlich, und nicht die
Union Carbide Corporation in den USA; außerdem liege die Verantwortung ebenso bei der Landesregierung des indischen Bundesstaates
Madhya Pradesh.
Parallel zu den Strafanzeigen gegen die
Union Carbide Company in den USA und ihren ehemaligen CEO, lief in Indien von 1989 bis Juni 2010 ein Gerichtsverfahren gegen sieben ehemalige Führungskräfte des Unternehmens UCIL. Diese wurden wegen „krimineller Nachlässigkeit“, nicht wegen „fahrlässiger Tötung“, wie die ursprüngliche Anklage lauten sollte, zu jeweils zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 100.000 INR (2010 etwa 2.180 US$) verurteilt, mit zulässiger Kautionsstellung in Höhe von 25.000 INR (2010 etwa 550 US$).
Dampfbehandlung eines Langzeitopfers in der Sambavhna Klinik in Bhopal. Danach kann er sich für ein paar Stunden ein wenig bewegen.
Im Februar 2001 übernahm dann der US-amerikanische Konzern
Dow Chemical Company für 11,6 Mrd. US$ die
Union Carbide Company und wurde damit nach
DuPont zweitgrößter Chemiekonzern der Welt. Von den Opferorganisationen in Bhopal wurde danach der Versuch unternommen, Dow Chemical als Rechtsnachfolger der UCC zur Verantwortung zu ziehen.
Dow Chemical lehnt aber bis heute jegliche Verantwortung strikt ab. Die Begründung folgt im Wesentlichen den Urteilssprüchen amerikanischer Richter bei früheren Klagen gegen die UCC, oder sie beruft sich darauf, als Dow Chemical doch nichts mit der Geschichte zu tun gehabt zu haben.
2012 veröffentliche
Wikileaks E-Mails der texanischen Detektei
Stratfor (die sich selbst hochtrabend "Private Intelligence Service" nennt), die von der Hackergruppe
Anonymous entwendet worden waren. Unter den Kunden von
Startfor befand sich demnach u.a. auch
Dow Chemical, die Bhopal-Aktivisten bespitzeln ließ, die sich für eine Entschädigung einsetzten.
Darunter befand sich auch die Aktivistengruppe „
Yes Men“, die zum 20. Jahrestag des Chemieunglücks eine fiktive Kampagne startete, in der Yes-Man
Andy Bichlbaum auf BBC-World als Dow-Chemical-Sprecher
Jude Finisterra auftrat und sich für das Leid der Bevölkerung entschuldigte und zwölf Milliarden US-Dollar für die Hilfe der Opfer in Aussicht stellte. Der Börsenwert von Dow Chemical brach kurzfristig um etwa 2. Mrd. US$ ein.
Großvater von Avor. Seine Frau verstarb ein paar Jahre nach dem Gas-
Unglück an Krebs. Er ist nun über 80, trauert ihr aber bis heute nach.
Auf der Homepage von Dow Chemical kann man in der Rubrik „Unsere Werte“ lesen:
"Wir sind sicher, dass uns die Übernahme sozialer Verantwortung nicht zurückwirft, sondern voranbringt. Wir verlassen uns auf die Integrität aller unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auf ihre unterschiedlichen Erfahrungen, Hintergründe und Perspektiven. Wir glauben an die Kraft des Unterschiedlichen. Wir arbeiten jeden Tag an unserer Kultur der Innovation, Verantwortung und Vielfalt."
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