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Die Werkschau zu F.C. Gundlach im Bucerius Kunst Forum zeigt eindrucksvoll, wie stark Netzwerke und Allianzen die Fotogeschichte prägen. Um Verbindungen geht es im weitesten Sinne auch in den beiden Ausstellungen im temporären PHOXXI auf dem Deichtorhallen-Vorplatz. Allerdings nicht zwischen Institutionen oder Fotograf:innen, sondern zwischen Herkunft, familiären Erfahrungen und fotografischen Verfahren.



Bild: Akosua Viktoria Adu-Sanyah bei der Arbeit an einer großformatigen fotografischen Installation. © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Je länger ich mich mit den Arbeiten von Akosua Viktoria Adu-Sanyah und Abdulhamid Kircher beschäftigt habe, desto stärker entstand bei mir der Eindruck, dass sich diese beiden Positionen besonders schwer über Pressebilder und Ausstellungstexte erschließen lassen.

Das liegt nicht an den Materialien – im Gegenteil. Vielmehr scheint bei beiden Ausstellungen der Prozess selbst ein zentraler Bestandteil der Arbeit zu sein. Die Fotografien stehen nicht einfach als fertige Bilder an der Wand, sondern sind eng mit Fragen von Beziehungen und Veränderung verbunden.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich eine Weile gebraucht habe, um zu verstehen, worauf dieses Doppel-Feature eigentlich hinauswill.

Das verbindende Element beider Ausstellungen ist eine voll funktionsfähige Dunkelkammer. Begleitet vom Workshop-Programm „Dark Rooms, Analogue Frequencies“ bricht dieses Doppel-Feature mit der Vorstellung, ein Fotolabor sei lediglich ein technischer Produktionsort. Stattdessen soll es zu einem Raum der Reflexion werden, in dem Erinnerungen, Beziehungen und Erfahrungen verarbeitet, verändert und sichtbar gemacht werden.

1. Akosua Viktoria Adu-Sanyah: „Residual Sky Under Contamination“​

Die deutsch-ghanaische Künstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah beschäftigt sich mit historischen Bildarchiven aus dem Geburtsort ihres Vaters im heutigen Ghana. Dabei interessiert sie sich weniger für die Menschen auf den Fotografien als für das, was oft unbeachtet bleibt: Himmel, Baumkronen, Licht, Atmosphäre und die materiellen Bedingungen fotografischer Erinnerung.

Die Pressematerialien beschreiben dies als Arbeiten „mit dem und gegen das Archiv“. Historische Fotografien werden dabei nicht einfach übernommen, sondern kritisch hinterfragt und neu zusammengesetzt. Die Künstlerin sucht nach alternativen Erzählungen jenseits kolonial geprägter Blickrichtungen.


Bild: Installationsansicht aus der Serie Residual Sky Under Contamination. Die Arbeiten werden nicht als abgeschlossene Bilder präsentiert, sondern als Teil eines räumlichen und materiellen Prozesses. © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Herausfordernd, gerade beim Schreiben des Artikels am heimischen Schreibtisch: die Arbeiten entziehen sich einer schnellen Lesbarkeit. Ich suche nach eindeutigen Motiven und Geschichten, stoße aber immer wieder auf Lücken, Überlagerungen und Fragmente.

Viele Arbeiten wirken unfertig, fragil oder bewusst instabil. Je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr entstand jedoch der Eindruck, dass genau das beabsichtigt ist.

Die großformatigen Farbarbeiten verändern sich durch chemische Prozesse, Licht und Umgebungseinflüsse weiter. Hinzu kommen vernähte Narben im Fotopapier, die das Material selbst zu einem verletzlichen Körper machen. Fotografie wird hier nicht als perfektes Endprodukt verstanden, sondern als etwas Veränderliches.


Bild: Detail einer Arbeit aus Residual Sky Under Contamination. Vergangenheit erscheint hier nicht als vollständige Erzählung, sondern als bruchstückhafte Spur. © Akosua Viktoria Adu-Sanyah

Gerade bei Adu-Sanyah habe ich das Gefühl, dass sich die Ausstellung einer rein fotografischen Reproduktion entzieht. Vieles spricht dafür, dass Größe, Materialität und räumliche Erfahrung eine entscheidende Rolle spielen werden. Ob sich dieser Eindruck bestätigt, wird sich letztlich erst nach der Eröffnung zeigen.

2. Abdulhamid Kircher: „Rotting from Within“​

Einen deutlich unmittelbareren Zugang habe ich bei Abdulhamid Kircher gefunden. Während ich bei Adu-Sanyah immer wieder nach Orientierung gesucht habe, öffnen mir Kirchers Arbeiten deutlich schneller eine Tür. Die Bilder sind nicht einfacher, aber unmittelbarer.

Der deutsch-türkische Künstler arbeitet ebenfalls analog, richtet seinen Blick jedoch stärker auf Menschen und Beziehungen. Seine Fotografien funktionieren wie ein fragmentarisches Familienalbum, in dem Nähe, Verlust, Herkunft und familiäre Machtstrukturen immer wieder sichtbar werden.

Die Hamburger Ausstellung beschäftigt sich laut Pressematerial unter anderem mit der Abwesenheit des Vaters, dem Tod des Großvaters väterlicherseits und den Auswirkungen patriarchaler Strukturen über mehrere Generationen hinweg.


Bild: Arbeit aus der Serie Rotting from Within. Kirchers Fotografien bewegen sich zwischen familiärer Nähe, Fürsorge und Erinnerung. © Abdulhamid Kircher. Courtesy of the artist and carlier | gebauer, Berlin/Madrid

Was mich an den gezeigten Arbeiten besonders anspricht, ist ihre Offenheit. Die Bilder wirken sehr persönlich, gleichzeitig aber nie voyeuristisch. Sie zeigen Verletzlichkeit, ohne daraus Betroffenheitsästhetik zu machen.


Bild: Alltagsszene aus Rotting from Within. Viele Arbeiten verhandeln Identität, Zugehörigkeit und familiäre Rollen über scheinbar beiläufige Situationen. © Abdulhamid Kircher. Courtesy of the artist and carlier | gebauer, Berlin/Madrid

Kircher nutzt die Intimität der Kamera, um Vorstellungen von Stärke, Männlichkeit und Kontrolle zu hinterfragen. Gleichzeitig erzählen die Fotografien immer wieder von Fürsorge, Nähe und Zusammenhalt.

Gerade im Zusammenspiel der unterschiedlichen Motive entsteht der Eindruck eines lebendigen Archivs, das weniger an einer linearen Familiengeschichte interessiert ist als an den Beziehungen, die Menschen in unserem Leben prägen.

Mein vorläufiges Fazit​

Nach Sichtung der Pressematerialien entsteht der Eindruck zweier Ausstellungen, die Fotografie weniger als fertiges Bild denn als lebendigen Prozess begreifen.

Akosua Viktoria Adu-Sanyah interessiert sich für die Spuren, die Erinnerungen hinterlassen. Abdulhamid Kircher richtet den Blick stärker auf die Menschen, die diese Erinnerungen tragen.

Ob mich jede künstlerische Entscheidung überzeugt? Das kann ich aus der Distanz nicht seriös beurteilen. Gerade deshalb finde ich das PHOXXI-Doppel-Feature interessant. Beide Ausstellungen scheinen ihre eigentliche Wirkung erst im Zusammenspiel von Raum, Material und persönlicher Erfahrung zu entfalten. Und sie scheinen weniger Antworten liefern zu wollen als Räume zu öffnen, in denen Herkunft, Beziehungen und persönliche Erfahrungen neu betrachtet werden können.

Und genau deshalb gehört diese Station der Triennale für mich zu denjenigen, die ich am liebsten selbst besuchen würde.

Praktische Informationen zu Ausstellung, Workshops und Tickets gibt es direkt bei den Deichtorhallen Hamburg:
Deichtorhallen Hamburg

Alle Artikel zur Triennale der Photographie Hamburg 2026 auf einen Blick gibt es hier - ich freue mich dort auch auf euer Feedback!
 
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