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Nachdem wir in den letzten Teilen tief in die transglobalen Welten und die radikalen Körperinszenierungen der Deichtorhallen eingetaucht sind, brechen wir heute ganz bewusst die Dynamik auf. Für meinen nächsten Tipp zur 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 verlassen wir die großen Kunsthallen und begeben uns nach Barmbek ins Museum der Arbeit.

Dort erwartet dich vom 5. Juni bis zum 6. September 2026 eine Schau, die mich beim Sichten der Materialien sofort neugierig gemacht hat: „Franki Raffles: Photography, Activism, Campaign Works“.


Bild: Pensioners protesting, Edinburgh, 1987–88 © Franki Raffles Estate

Ich muss gestehen, dass mir der Name Franki Raffles (1955–1994) vorab kein Begriff war. Kein Wunder: Nach ihrem viel zu frühen Tod mit nur 39 Jahren blieben ihre Aufnahmen jahrzehntelang nahezu unberührt im Schrank ihrer Familie verwahrt. Erst seit wenigen Jahren wird ihr über 40.000 Aufnahmen umfassender Nachlass wissenschaftlich erschlossen. Was wir im Museum der Arbeit sehen, ist tatsächlich die erste große Einzelausstellung dieser britischen Fotografin in Deutschland. Und ich bin der Überzeugung: Ihr schnörkelloser, dokumentarischer Blick ist eine echte Bereicherung für jeden, der sich mit engagierter Fotografie beschäftigt.

Das Alltägliche ist hochpolitisch​

Raffles verstand ihre Kamera nie als Werkzeug für den rein ästhetischen, autonomen Ausdruck. Nach ihrer eigenen Philosophie ging es bei der Fotografie nicht um individuellen Ausdruck, sondern darum, zusammenzuarbeiten, um Dinge sichtbar zu machen. Sie nutzte das Handwerk konsequent, um gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu dokumentieren.

Mich beeindruckt, wie intensiv sie dabei versuchte, das klassische Machtgefälle zwischen der Person hinter der Linse und den Porträtierten aufzuweichen. Raffles verbrachte oft viel Zeit mit Recherchen und Gesprächen; sie band die Zitate und Lebensumstände der Frauen oft direkt in ihre Projekte ein.

Die Ausstellung zeigt über 300 Fotografien aus zehn verschiedenen Serien. Beim Durchschauen der Werkauswahl sind mir drei Phasen besonders aufgefallen:

1. Der schottische Alltag und Proteste​

In den 1980er-Jahren arbeitete Raffles viel als freie Fotografin in Edinburgh und Glasgow. Sie begleitete Frauen in damals untypischen Berufen – wie in einer Abfüllanlage in Leith oder beim Friseur –, besuchte soziale Wohnsiedlungen und fing den direkten Protest auf den Straßen ein. Mein ausgewähltes Hero-Bild oben von den protestierenden Rentnerinnen in Edinburgh fängt diese entschlossene Energie für mein Empfinden sehr gut ein.


Bild: Bond 9 bottling plant, Leith, Edinburgh, 1987–88 (Aus dem Projekt: To Let You Understand...) © Franki Raffles Estate

2. Der Blick nach Osten: „Soviet Women“ (1989)​

Als Feministin war Raffles fasziniert von der Frage, wie politische Systeme die Lebensrealität von Frauen formen. Im Sommer 1989 – kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR – reiste sie drei Monate durch Russland, die Ukraine und Georgien.

Dort entstanden ehrliche Reportagebilder von Arbeiterinnen in Fabriken und der Landwirtschaft. Das folgende Bild der sowjetischen Kolchosbäuerinnen strahlt für mich eine enorme sachliche Würde und eine spürbare, generationsübergreifende Verbundenheit bei der harten Arbeit aus.


Bild: Soviet women, state farm workers, USSR, 1989 © Franki Raffles Estate

3. Die „Zero Tolerance“-Kampagne​

Ihre wohl größte öffentliche Wirkung entfaltete Raffles ab 1992 mit der wegweisenden Kampagne „Zero Tolerance“, die das Tabuthema männlicher Gewalt gegen Frauen und Kinder mitten in den städtischen Raum trug. Anstatt auf reißerische Opferdarstellungen zu setzen, fotografierte sie Frauen und Mädchen in vollkommen alltäglichen Situationen – beim Lesen oder Spielen im eigenen Zuhause. Erst in Kombination mit den harten, faktengestützten Textaussagen auf den Plakaten entstand eine Dissonanz, die die allgegenwärtige Bedrohung im Alltag unmissverständlich greifbar machte.


Bild: Franki Raffles, Craigmillar, Edinburgh, 1980er-Jahre. © Franki Raffles Archive / University of St Andrews

Mein Fazit​

Mich regt diese Ausstellung vor allem zum Nachdenken über die eigene fotografische Haltung an. Sie führt uns vor Augen, wie Street- und Dokumentarfotografie respektvoll und zugleich gesellschaftlich relevant funktionieren kann. Wenn du sehen willst, wie man die Kamera als durchdachtes Werkzeug für gesellschaftliche Themen einsetzt, ohne den Respekt vor den Abgebildeten zu verlieren, lohnt sich der Weg nach Barmbek auf jeden Fall.

Alle praktischen Infos zu Preisen und dem begleitenden Programm findest du direkt auf der Museumsseite:
Museum der Arbeit – Ausstellungsdetails

Alle Artikel zur Triennale der Photographie Hamburg 2026 auf einen Blick gibt es hier - ich freue mich dort auch auf euer Feedback!
 
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