Geschenke der Götter [Diamanten und Indien – eine Reportage]

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Irgendwer sprach hier von der Sendung mit der Maus... und das trifft den Nagel auf den Kopf! Oder National Geographic! Dein Thread ist nicht nur reich bebildert, sondern überhaupt sehr informativ - wann würde ich schon etwas über Diamanten lesen, wenn nicht beim Schmökern in einer Wartehalle?
Ich wusste nicht, dass Diamanten in Indien eine derart große Rolle spielen - jetzt weiß ichs, und wie ich dich kenne, folgt da noch mehr... :up:
 
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Lichtreflexion und Proportionen eines Diamanten





Ein geschliffener Diamant hat die höchste existierende Lichtbrechung (mit einem Koeffizienten
von 2,42!) und einen starken Glanz, gepaart mit einer auffallenden Zerstreuung, weshalb er
traditionell als Edelstein geschliffen wird. Die Brillanz eines Diamanten kommt durch die
Gesamtmenge des weißen Lichts zustande, die im Inneren des Diamanten reflektiert wird.






Einer von mehreren Schleifräumen





Das sogenannte Feuer in einem Diamanten dagegen entsteht durch den Farbeindruck im Auge des
Betrachters, wenn sich das weiße Licht beim Betrachten des Diamanten in seine Spektralfarben
zerlegt, was durch die Facetten des Schliffs hervorgerufen wird. Der Diamantenschleifer hat also
die Aufgabe, die beiden Eigenschaften Brillanz und Feuer eines Diamanten optimal
auszubalancieren.






Diamantenschleifer





Aus diesem Grund benötigt ein Diamantenschleifer nicht nur Talent, sondern es gehört auch viel
Erfahrung zu diesem Beruf. Perfekt geschliffene Steine steigern nochmals den Preis eines
Diamanten, ganz unabhängig von den anderen Merkmalen. Somit hat ein Diamantschleifer ebenso eine
wichtige, wirtschaftliche Verantwortung für das Unternehmen. Ein guter Diamantenschliff
balanciert also die Facetten in ihrer Größe und Symmetrie sowie die Anordnung der Winkel und
Proportionen optimal aus.






Facettenschliff





Denn erst wenn alle Details stimmen – hier ganz besonders das Größenverhältnis von Ober- zu
Unterteil sowie die Tafelgröße im Verhältnis zur Höhe des Oberteils – ist eine Totalreflexion
des Lichts möglich. Tritt das Licht dann durch die Tafel aus, zerlegt es sich in seine
Spektralfarben. Dieser Vorgang („Dispersion“) lässt sowohl das Feuer als auch die Brillanz eines
Diamanten voll entfalten. Sind Diamanten zu spitz oder zu flach geschliffen, kann das Licht
nicht reflektiert werden und Brillanz und Feuer gehen verloren.






Diamantenschleifer.






Hier zählt Erfahrung.




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Die Schleifscheiben sind Metallscheiben, auf die das schleifwirksame Diamantpulver in einer
galvanischen Nickelmatrix als dünne Schicht aufgebracht wird. Beim Schleifen werden dann die
Facetten des Diamantschliffs in ganz bestimmten Winkeln angelegt. Es gibt dafür unterschiedliche
Halterungen, die je nach Facettenart angebracht und dann in einem bestimmten Winkel auf die
Schleifscheibe gehalten werden. Die Rundiste eines Brillanten ist sein breitester Teil. Nach
ihrer Größe werden alle anderen Maße in Prozent angegeben. Die Rundiste sollte in einer Ebene
liegen, nicht zu stark und nicht wellig sein. Optimal ist die Rundistenstärke „fein – mittel“.

Um ein möglichst gutes Aussehen zu erzielen, werden die Rundisten in einem eigenen
Arbeitsschritt bearbeitet. Sie sollte dabei gleichmäßig sein und keine großen Unterschiede
in der Stärke haben. Die Stärke der Rundiste wird beim Schliff bestimmt, aber durch ein
feines Nachschleifen mit einer Spezialmaschine wird sie in ihre bestmögliche Rundung und
Form nach dem Schliff gebracht.






Der Feinschliff der Rundiste ist ein eigener Arbeitsschritt





Sobald ein Diamant komplett fertig geschliffen ist, werden zum Schluss alle Facetten noch
poliert. Wenn dieses Polieren nicht ordnungsgemäß durchgeführt wird, kann dies Kratzer und
Linien am Stein zurücklassen. Ein exzellent polierter Diamant weist aber praktisch keine
Kratzer auf. Es ist empfehlenswert, bei einem Kauf eines Diamanten mindestens einen
Polierungsgrad von „gut“ zu wählen. Bevor ein Diamant nun in den Verkauf kommt, werden
nochmals alle relevanten Qualitäts-Paramanter am Mikroskop geprüft. Werden noch
verbesserungswürdige Mängel entdeckt, geht der Stein zurück.






Erst zum Schluss werden die Diamanten poliert






Diamantenpolitur mit chai (Tee)



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Die hier geschliffenen Diamanten werden an Großhändler, Einzelhändler und Schmuckhersteller
verkauft, ein Teil davon in Indien, aber auch in die USA. Wichtig für den Verkauf sind die
Zertifikate des Gemological Institute of America (GIA). Alle Diamanten ab 1 ct. werden an das
New Yorker Labor des GIA zur Zertifizierung geschickt. Dort werden sie geprüft und erhalten den
GIA- Laser–Code für Diamanten auf der Rundiste eingraviert. Dieser Code wird in das Zertifikat
übernommen und ist ihm so immer eindeutig zuzuordnen und der Stein immer eindeutig
identifizierbar. Sanjay Bhalla erklärt: „Ein Diamant mit GIA–Lasercode wird auf diese Weise mit
einem Schutz versehen, der beim Kunden noch mehr Vertrauen schafft.”





Endkontrolle unter dem Mikroskop





„Vertrauen ist gut, Kontrolle aber besser“ passt bei Firmen, die mit Diamanten arbeiten, sehr
gut. Bei der Firma Hari Krishna Exports, erklärt mir mein freundlicher Begleiter, Herr Gaurav
Duggal, hat man das Problem der Kontrolle folgendermaßen gelöst: Jeder Diamant, der einem
Mitarbeiter zur Bearbeitung ausgehändigt wird, wird registriert. Verlässt der Mitarbeiter seinen
Arbeitsplatz, muss er den oder die Diamanten wieder abgeben, wobei dies wieder registriert wird
– so weiß man immer über den Verbleib der Diamanten Bescheid.






Endkontrolle auf der Waage





Die Durchschnittslöhne der Arbeiter von Diamantfirmen hängen natürlich von ihren Fähigkeiten ab,
aber auch von der Größe der Diamanten, die sie bearbeiten. Ein Diamantenschleifer, der Diamanten
unter 3 Karat schleift, verdient einen durchschnittlichen Monatslohn von 18.000 bis 20.000 INR
(5/2015: zw. 250 € und 280 €). Natürlich muss man diese Zahlen im Verhältnis zu anderen Löhnen
und allgemeinen Lebenshaltungskosten in Surat sehen, so ist es ein durchschnittlich guter
Monatslohn.

Vor allem die Mieten sind deutlich niedriger als z.B. in Mumbai, von wo in den letzten Jahren
große Teile des Diamantengeschäfts nach Surat abgewandert sind. Zudem gibt es, zumindest in den
von mir besuchten Firmen, gute Sozialleistungen und auch großartige Boni.





GIA-Zertifikat







GIA-Code auf der Rundiste






Die größten Boni in ganz Indien gab es bei Hari Krishna Exports im Jahr 2014 zu Diwali, dem
indischen Lichterfest, ein bedeutendes, mehrtägiges hinduistisches Fest, das man vielleicht
wegen seines spirituellen und sozialen Bezugs mit dem christlichen Weihnachten vergleichen kann.
1.200 Angestellte der Firma, die sich für das firmeneigene „Loyalitätsprogramm“ qualifiziert
hatten, konnten als Bonus zwischen drei Geschenken auswählen: einem Fiat Punto, einer Anzahlung
für eine 2-Zimmer-Wohnung oder Gold- und Diamantenschmuck.

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Ende und Dank
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"Die Welt der Diamantenhändler ist so klein wie verschwiegen" heißt es in der Reportage.
Entsprechend schwierig war es, im Vorfeld Kontakte und Genehmigungen zu bekommen. Hier
ein paar Zitate aus E-Mails während der Vorbereitung, sowie meine Dankesliste: Insgesamt
waren 18 Personen vor, während und nach der Reportage involviert, Rajen Shah mit seinen
Stitvköpfen nicht aingerechnet!


Zitate
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“However it is best to clearly explain your project. As you know the diamond sector is very
much based on trust, and sometimes quite reluctant towards journalists. References such as
from German Consul-General for instance could also help.”

„Allerdings ist es wohl am besten, wenn Sie Ihr Vorhaben deutlich erklären. Wie Sie wissen,
basiert der Diamantensektor sehr stark auf Vertrauen und ist Journalisten gegenüber manchmal
ziemlich zurückhaltend. Referenzen wie die vom Deutschen Generalkonsul zum Beispiel könnten
auch helfen.“

Eduard van Kleunen, Consul, Consulate General of Belgium


* * *


“In regard to your request to visit diamond cutting & jewellery manufacturing unit in Surat,
we will appreciate if you could meet us on Monday at 12 noon at our office. It will help us
to understand your work done in this industry & take your request forward.”

„In Bezug auf Ihre Anfrage, eine Diamantenschleiferei und eine Schmuck-Produktionseinheit in
Surat zu besuchen, würden wir uns freuen, Sie am Montag um 12 Uhr in unserem Büro zu treffen.
Es wird uns helfen, Ihre Arbeit und Ihr Ansinnen in dieser Branche zu verstehen, und Ihre
Anfrage weiter zu vermitteln.“

Raksha Manihar, The Gem & Jewellery Export Promotion Council


* * *


“It was great to see your work on various walks of life. GJEPC will be glad to assist you in
doing the story on Diamonds. Kindly intimate us in advance to organise your trip to diamond
Manufacturing Unit in Surat. We will be glad to help you with all the material or data on the
industry for your work.”

„Es war sehr spannend, Ihre Arbeit zu verschiedenen Lebensbereichen kennenzulernen. GJEPC wird
sich freuen, Sie bei Ihrem Diamantenprojekt zu unterstützen. Bitte informieren sie uns im
Voraus, damit wir Ihre Reise zur Diamantenproduktionsstätte in Surat organisieren können. Wir
würden uns freuen, Sie mit Material und Daten über diesen Industriezweig zu unterstützen.“


* * *


Ich danke allen 18 Personen, die mir geholfen haben sehr herzlich, inbesondere:
  • Ms. Chandrika Javeri, Mumbai für Ihre Kontakte,
  • Ms. Dolly Choudhary, The Gem & Jewellery Export Promotion Council (GJEPC) für Auftrag und Genehmigungen
  • Hr. Michael Siebert, Deutscher Generalkonsul Mumbai
  • Mr. Karl van den Bossche, Belgischer Generalkonsul Mumbai für ihre Empfehlungen
  • Mr. Chandrakant R. Sanghavi und Mr. Sanjay Bhalla der Sanghavi Exports International
  • Mr. Pintu Dholakia und Mr. Gaurav Duggal der Hari Krishna Exports für Ihre Genehmigungen und Geduld
  • Herrn Michael Bonke von der Diamantenschleiferei Bonke, von dem ich viele der Informationen über die Diamantengeschichte in Indien erfahren habe.


* * *
Ende
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Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole: Vielen Dank für diese tolle Reportage!

Indien und Diamantenschleiferei hätte ich davor nie in Verbindung gebracht.

Und, nebenbei bemerkt (ja ja, ich weiß, typusch Frau) #20 täte mir gefallen
 
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Was ich nicht verstehe: wenn der fertige Diamant bereits am PC algorithmusgesteuert berechnet und per Laser geschnitten wird, warum wird er nicht auch maschinell geschliffen? Die Halterungen lassen doch sicher 3D-gestützte, fest wählbare Positionen zu?
 
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Die Technik geht immer weiter (und mein 2. Beruf hat oft damit zu tun).

Für die Bearbeitung von Kunststoff zum Entfernen von Unreinheiten an den Schnittkanten gibt es jetzt das "Plasma Entgraten". Eine Flamme von 350 - 400 Grad versetzt den Werkstoff in einen anderen Aggregatzustand bei der Bearbeitung.

Bei mir in der Schule (einst) gab es fest, flüssig, oder gasförmig, jetzt ist als vierter Aggregatzustand "plasma" dazugekommen.

Es ist faszinierend, wie Computer, Laser & Co und die entsprechende Forschung die Welt verändern.

Lesenswert (aber schwer verständlich) "Plasmaforschung". Könnte mir vorstellen, dass das auch bei Diamanten irgendwann helfen könnte.
 
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Es gibt schon Laser, die die Diamanten nicht nur durchschneiden, sondern auch "fertig scheiden", also praktisch komplett schleifen. Klar, warum nicht? Vorne rein, ein bisschen am Bildschirm steuern, hinten fertiger Diamant raus!

Das Problem ist wohl, dass noch zu viele Steine dabei brechen oder zumindest teilweise abbrechen. Also traut man der Technik noch nicht so ganz. Wie immer, eine Frage der Zeit, zumindest bei kleineren Steinen. Die größeren werden wohl länger noch von Hand bearbeitet ...
 
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Wo Du, Jochen, den unvorstellbaren Reichtum früherer Zeiten
erwähnt hast:

Eine alte Bekannte von mir, die Anfang der 50er Jahre in Indien
lebte, erzählte gern von einem Maharadsha, den sie gut kannte,
daß der allein durch Mäusefraß jedes Jahr mehrere Millionen an
Bargeld verlor …

Er selber nahm sein Betel aus einer Dose, die aus einem einzigen
Rubin geschnitten war.

Es soll in diesen Kreisen übrigens ein beliebtes Spiel gewesen sein,
Fachleute von Tiffany, van Cleef u.a. einzuladen, um die Juwelen
schätzen zu lassen – was angesichts der unvorstellbaren Schätze
regelmäßig zu Nervenzusammenbrüchen geführt habe …


 
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Jochen, ich kann nur hoffen, dass Du die Arbeit und den Zeitaufwand, die Du hier hier investiert hast, durch den Verkauf dieses sehr lesenswerten und professionell vorbereiteten und ausgeführten Artikels wieder halbwegs amortisieren kannst...
Aber meinen Respekt hast Du natürlich völlig unabhängig davon! :up:
 
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Vielen Dank liebe Leute, es freut mich, wenn euch die Reportage gefällt. Und einen Teil der Kosten, zumindest der Reisekosten habe ich über den Verkauf von ein paar Fotos im Vorfeld schon wieder drin! Der Rest kommt in ein neues Buch, das zahlt ihr dann wieder :winkgrin:
 
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Wieder eine "brilliante" Arbeit von dir, Jochen! Es hat Spaß gemacht, so viel über die edlen Steinchen zu erfahren - dankeschön!

Auch diese Foto-Reportage natürlich ein Highlight :up:
(die Portalseite wird morgen aktualisiert)
 
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Wow, vielen Dank Jan und Bettina und überhaupt: vielen Dank an alle!

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