Hallo,
Ich war bisher einmal in Indien, geschäftlich, und konnte nebenher einen ersten Eindruck vom Land gewinnen (genauer: von der Region Bombay).
sorry, wenn ich jetzt gerde Dein Zitat heranziehe, aber es scheint mir stellvertretend für unsere Vor- und Einstellung für Indien sehr repräsentativ zu sein.
Wer einmal ein paar Wochen oder Monate durch Indien gefahren ist und mit offenen Sinnen versucht hat, sich den Menschen, der Kultur und dem Leben in Indien anzunähern, wird schnell feststellen müssen, dass man Indien als Westler wohl nie verstehen wird. Viel zu unterschiedlich sind die Lebensumstände, die Vorstellungswelt der Menschen in Indien von der westlichen Sichtweise. Entsprechend greift die Analyse der Situation und Maßnahmen zur Verbesserung in aller Regel ins Leere - bestenfalls greifen sie zu kurz.
Ob man die Situation in Indien wirklich nachhaltig verbessert, wenn man unsere Arbeit dorthin exportiert, bin ich sehr skeptisch. Momentan profitiert nur eine (für indische Verhältnisse) verschwindendend geringe Minderheit in den Boomtowns um Bombay, Bangalore & Co davon. Die Menschen auf dem platten Land merkt davon nichts oder sie merkt, dass die soziele Schere für sie immer weiter auf geht. 50 Mio Gewinner vs. 1 Mia Verlierer des Arbeits-Exports. Toller Fortschritt.
Natürlich bewegt man sich auf dünnem Eis, wenn man den Sinn der groß angelegten Hilfen von außen generell in Frage stellt. Zu offensichtlich und allgegenwärtig ist das Leid in jeder beliebigen Straße des Landes. Trotzdem wage ich mal zu behaupten, dass man mit einem vordergründigen Weihnachts-Mittleid und westlichen Vorstellungen von einem glücklichen Leben die Menschen dort nicht wirklich erreichen kann.
Vielleicht wäre es - so paradox es klingt - ein sinnbringender erster Schritt, wenn man als Westler nicht fragt, was man in Indien verändern kann, sondern wenn man sich selbst fragt, was einem die Inder und ihre 5000-jährige Kultur geben könnte. Das Land ist so reich an ganz praktischem, spirituellem Wissen, das sich tief in in das kollektive Bewußtsein der Menschen eingegraben hat. Ohne Berücksichtigung dieses Wissens ist IMO keine Annäherung und kein Fortschritt möglich - bzw. ist kein stabilisierender, gesunder Fortschritt denkbar.
In diesem Sinne kann ich nur jedermann raten, die Kamera einzupacken, nach Indien zu fahen und (so schwer es fällt) ohne permanent zu urteiln, zu verurteil und ständig die eigene Betroffenheit zu pflegen das Land und die Menschen zu beobachten und zu fotografieren. Das Land strotzt nur so von fotografieschen Motiven allererster Kategorie. Natürlich ist es dabei erlaubt auch Almosen zu geben. Man ändert zwar damit nichts "im Großen", aber "im Kleinen" fügt man sich ein Stückweit in die Gesellschaft ein, für die privates Engagement selbstverständlich ist - auch wenn man keine Spendenquittung für die Steuer dafür bekommt.
Viele Grüße
HaPe